Lengsfeld rechnet in Ueckermünde mit Merkel ab
Lengsfeld rechnet in Ueckermünde mit Merkel ab

Draußen senkt sich die Dämmerung über das Haff. Drinnen sitzen rund 60 Menschen an gedeckten Tischen mit Tischdecken. Im Restaurant Strandhalle am Ueckermünder Strand stellt Vera Lengsfeld auf Einladung des Markttreff e.V. ihr Buch „Ist mir egal. Wie Angela Merkel die CDU und Deutschland ruiniert hat“ vor. Schon der Titel zeigt, worum es der ehemaligen DDR-Bürgerrechtlerin und Bundestagsabgeordneten geht: eine Abrechnung mit Angela Merkel.

„Ich bin mir treu geblieben“

Bei der anschließenden Gesprächsrunde mit Lengsfeld, bei der Kerstin Wittenberg mit dem Mikrofon durch die Reihen geht, kommt eine Frage aus dem Saal mitten zu ihrer eigenen Geschichte: Einst bei den Grünen, später in der CDU – habe sie sich nicht verändert? „Ich bin mir treu geblieben“, antwortet Lengsfeld. Verändert hätten sich die Parteien. Ihr Maßstab sei der Widerstand gegen die SED geblieben.

Merkel wirft sie vor, konservative Positionen der CDU aufgegeben und Themen von SPD und Grünen übernommen zu haben. Das habe Wahlerfolge gebracht, aber das Profil der Union zerstört. Als Beispiele nennt sie Migrations- und Energiepolitik. Die Überzeugungen der früheren Kanzlerin bezeichnet sie als „linksradikal grün“.

War das ein Plan, Deutschland zu verändern, oder ging es um Machterhalt, fragt ein Besucher. „Es war beides“, sagt Lengsfeld. Dass die CDU diesen Kurs mitgetragen habe, erklärt sie mit Wahlerfolgen, Posten und den Vorteilen des Regierens. Friedrich Merz setze Merkels Politik fort, meint sie. Zugleich beklagt sie, das Parlament habe gegenüber Kanzleramt und Koalitionsausschuss an Eigenständigkeit verloren.

„Angst um die Demokratie“

Ein Mann erzählt, als Konservativer habe er in der CDU seine politische Heimat verloren. Er habe Angst um die Demokratie. Lengsfeld spricht von einem „Parteienkartell“ und zieht Parallelen zur Nationalen Front der DDR. Der Vergleich blendet grundlegende Unterschiede zwischen parlamentarischer Demokratie und SED-Diktatur aus.

Auch eine AfD-Regierung könne die Probleme nicht allein lösen, sagt Lengsfeld. Es brauche Unterstützung aus der Gesellschaft. Wie jüngere Menschen zu erreichen seien? „Aufklären, aufklären, aufklären.“ Sie fordert dazu auf, Gespräche zu suchen, Bürgersprechstunden zu besuchen und Politikern zu widersprechen.

Mit Honig mehr verdient als als Wissenschaftlerin

Wie teuer Widerspruch werden kann, erzählt sie anschließend aus ihrem eigenen Leben. In der DDR engagierte sie sich in der Friedens- und Umweltbewegung. Auf ein mögliches Berufsverbot habe sie sich mit ihrem damaligen Mann vorbereitet, einem Hobbyimker. Als es kam, wurde die Imkerei zur wirtschaftlichen Grundlage. Nach ihrer Erinnerung verdienten sie damit mehr als zuvor in der Wissenschaft. Als Mitarbeiterin der Akademie der Wissenschaften kam sie auf rund 600 Mark, mit dem Honig kamen sie auf 1000 Mark pro Monat. Demgegenüber standen aber natürlich die Anschaffungskosten für mehr Bienenstöcke.

1988 wollte Lengsfeld bei der Liebknecht-Luxemburg-Demonstration mit einem Satz aus der DDR-Verfassung auf das Recht auf freie Meinungsäußerung hinweisen. Sie habe geglaubt, das schütze vor längerer Haft der Stasi. Ein Irrtum. Sich zu beugen, sagt sie, wäre für sie schwerer gewesen, als die Folgen des Widerspruchs zu tragen.

Mit dieser Erfahrung begründet sie auch ihren Abschied von den Grünen: Eine Öffnung gegenüber der zur PDS umbenannten SED habe sie nicht mittragen wollen. 1996 wechselte sie zur CDU, die sie damals als offen und streitlustig erlebt habe.

Mitstreiter für neuen Verein noch gesucht

Karin Petschick und Kerstin Wittenberg vom Markttreff haben dieses Ueckermünder Gespräch organisiert, das sich an das „Malchower Format“ von Pfarrer a.D. Thomas Dietz anlehnt. Zum Schluss bitten sie um Spenden für weitere Veranstaltungen und werben um Mitstreiter. Dann wird gesungen: Auf den Tischen liegen Liedblätter für Lengsfelds Lieblingslied „Der Mond ist aufgegangen“.

Die Reihe geht am 21. Oktober 2026 mit der ehemaligen Grünenpolitikerin Antje Hermenau im Alten Bahnhof, Eggesiner Straße 14, weiter. Am 18. November folgt die Politikwissenschaftlerin und Publizistin Ulrike Guérot wieder in der Strandhalle, Am Strand 2. Beginn ist jeweils 18 Uhr, Einlass ab 17 Uhr. Aktuelle Informationen gibt es auf der Website des Markttreff.