Meine Tochter tanzt zu Frank Schöbel: Eine Rückkehrer-Kolumne
Meine Tochter tanzt zu Frank Schöbel

Eigentlich bin ich der elektronischen Musik zugewandt, nicht zuletzt durch meine lange Zeit in Berlin. Stattdessen dröhnt es nun „Dich hat der Himmel geschickt. Keine Ahnung, wie ich dich verdient hab'“ aus den Boxen beim Markt im Woggersiner Kulturspeicher. Plötzlich legt meine vierjährige Tochter los. Gut im Takt und mit rasend schnellen Schritten tanzt sie vor der Bühne ab. Ich kenne den Song bis dahin gar nicht.

Eine DDR-Ikone im Kinderzimmer

Shazam, eine beliebte App zur Musikerkennung, bringt Licht ins Dunkel: Es handelt sich um einen aktuellen Hit von Frank Schöbel. Der war mir als DDR-Kind schon ein Begriff, auch wenn ich seine Musik nicht hörte. Ich kenne den Schlagersänger vor allem von der ostalgischen Zeitschrift „Super illu“, die meine Mutter bis heute abonniert hat, der Mann hat(te) da ein Dauer-Abo fürs Titelcover.

Schlager im Nordosten

Dass der Nordosten als Region tatsächlich besonders schlageraffin ist, habe ich schon gelernt. Das „Schlager Radio“ ist seit dem 1. April 2026 als neuer landesweiter Radiosender für Schlager in Mecklenburg-Vorpommern auf Sendung. Ein landesweiter neuer Radiosender war für mich schon überraschend, die Ausrichtung noch mehr. Im Nordkurier-Interview sprach der Geschäftsführer aber nicht umsonst über eine Schlagersehnsucht und die besondere Schlageraffinität im Nordosten, wie Untersuchungen ergeben hätten. Lebensgefühl und Heimatverbundenheit aus den Schlagertexten spiegeln sich womöglich in der Einstellung der Menschen. Die Altersstruktur könnte ihr Übriges tun.

Aber dass meine Tochter auf so eine Art Musik steht? Für Frank Schöbel selbst ist das ganz normal: „Kleine Fans kommen vor allem auf meine Weihnachtstouren im Dezember und sind auch dabei, wenn wir im Sommer auf Freilichttour sind“, so Schöbel auf Nordkurier-Nachfrage. Er finde das gut und sieht als logische Folge, dass das Beispiel meiner Tochter Klischee eines Schlagersängers widerlegt, der nur von älteren Fans gehört und geschätzt wird. „Kommt aber auch immer auf die Lieder und den Typ an“, sagt Schöbel auf meine Frage im Zuge dieser Kolumne.

Schlager ist nicht mehr Schlager

Absolut: Noch textsicherer als bei „Dich hat der Himmel geschickt“ zeigt sich meine Tochter nämlich beim Song „Adler fliegen einsam“. Die „halten ihre Flügel in den Wind (...), weil die Freiheit jedes Mal gewinnt“. Hier werden im Auto fast alle Liedzeilen souverän runtergeschmettert. Das älter anmutende „Butterfly“ (stammt übrigens alles vom Album „Spiel des Lebens“) ist dagegen eher was für den Papa, der sich am Steuer fast beim Schunkeln erwischt. „Butterfly, mein Butterfly, jeder Tag mit dir war schön (...) Wann werden wir uns wiedersehen?“

Schlager ist natürlich auch nicht mehr Schlager. Ben Zucker, Beatrice Egli oder Helene Fischer sind eine andere Generation als Howard Carpendale, Bata Ilic oder Roberto Blanco, schon klar. Ich bekomme Events wie die „Schlager Hitparade“ oder den „Schlager Bumz“ in meiner Heimatstadt mit. Meine Schwester ist Mitte 30 und liebt Schlager. Da gibt es längst auch eine jüngere Fangemeinde. Aber die Wirkmacht einer über 80-jährigen DDR-Ikone auf eine Vierjährige hat mich dann schon erstaunt.

So hallen die DDR-Künstler bis heute nach, auch wenn sie im wiedervereinigten Deutschland wohl wenig(er) Gehör finden. Bis auf Ausnahmen wie „Am Fenster“ von City und „Alt wie ein Baum“ von den Puhdys vielleicht, die ich meinen westdeutschen Studienfreunden einst erfolgreich näherbrachte. Das wurden Hits in unserer Runde – genau wie Frank-Schöbel-Songs für meine Tochter.