Der Neustrelitzer Psychologe Stefan Hilscher bringt Philosophie in den Kulturstall Userin. Ab Ende Oktober lädt er an fünf Mittwochabenden dazu ein, über Grenzen des Denkens nachzudenken. Die Reihe trägt den Titel „Philosophie für alle“.
Philosophie als Kunst des Intellekts
Für Hilscher ist Philosophie eine Geisteswissenschaft und keine Naturwissenschaft. Sie gehöre im weiteren Sinne zur Kunst und sei sozusagen die Kunst des Intellekts. Deshalb sei sie im Kulturstall gut aufgehoben, sagt der Psychologe.
Mit der Veranstaltungsreihe will er Bewusstsein für die eigene Identität schaffen. Es gehe um die Beziehung zur Welt, wie man sie erlebe und wie man sie gestalte. Die Philosophie des 20. Jahrhunderts könne dabei helfen und Dinge in ein klareres Licht rücken.
Erschütterung als Ziel
Wer sich auf die Vorträge einlasse und sich hinterfrage, werde möglicherweise ein wenig erschüttert sein, kündigt Hilscher an. Es werde deutlich, wie unfassbar verwurzelt man sei und wie sehr man ein Produkt des jeweiligen Zeitgeistes und der jeweiligen Epoche sei. Das sei erst mal schockierend, führe aber im zweiten Schritt zu einer ziemlichen Befreiung. Das sei vielleicht das Stärkste, was Philosophie leisten könne.
Die Vorträge bauen nicht aufeinander auf. Philosophie funktioniere nicht als bloßes Zuhören, vergleicht Hilscher mit einem Marathontraining: Man komme dem Ziel nicht näher, wenn man jeden Tag nur zwei Kilometer laufe. Neue Leistung erreiche man nur, wenn man immer wieder an die Grenze gehe. Mit dem Denken sei es genauso.
Kritik an der eigenen Branche
Hilscher arbeitete für „Ärzte ohne Grenzen“ unter anderem in Indien und im Sudan. In Indien seien die kulturellen Unterschiede unübersehbar gewesen, nicht nur bei Essen und Kleidung, sondern auch darin, wie Menschen fühlen und denken, welche Wertesysteme sie haben und wie sie die Welt wahrnehmen. Spätestens da habe man die Ebene der Psychologie verlassen müssen, sagt er.
Mit seiner Branche ist er nicht rundum einverstanden. Es gebe Nebenwirkungen und Versprechen, die nicht erfüllt würden. Psychologie, Psychotherapie und Psychiatrie seien ebenfalls Produkte von Kulturgeschichte, Zeitgeist und dem jeweils bestimmenden Weltbild. Vielen Menschen könne die Begegnung mit der Philosophie besser weiterhelfen.
Er spricht von einer Psychologisierung der Welt: Immer mehr Ausdrucksformen des Menschseins würden in Psychopathologien gedrückt. Menschen identifizierten sich mit ihren Diagnosen, es entstehe Hilflosigkeit und Abhängigkeit vom Therapeuten. Nicht selten führten verhängnisvolle Kreisläufe über Internet und Social Media zu Stagnation und Unzufriedenheit.
Termine und Anmeldung
Die Vorträge finden jeweils um 19 Uhr statt. Themen und Termine: „Freiheit“ am 28. Oktober, „Wirklichkeit“ am 25. November, „Verletzlichkeit“ am 20. Januar, „Endlichkeit“ am 24. Februar und „Poesie des Daseins“ am 17. März. Vorkenntnisse seien nicht nötig, nur Neugier.
Vorbestellungen sind bei Dagmar Wenndorff vom Kulturstall per E-Mail an [email protected] oder telefonisch unter 03981/200949 möglich.