Hans Joachim Dwars wurde 1940 als Baby in der Marienkirche Neubrandenburg getauft. Ab 1976 half er als Polier im Baubetrieb Denkmalpflege Neubrandenburg, die weitgehend zerstörte Kirche zu einem Konzertsaal mit Kunstsammlung aufzubauen. Seine handschriftliche Chronologie dokumentiert die Bautätigkeiten ab Mitte der 70er-Jahre.
Vom Abrissplan zum Wiederaufbau
In den Jahren vor der Restaurierung hatte es Pläne gegeben, das Haus abzureißen. „Stadtplanerin Iris Grund wollte nur den Turmstumpf stehen lassen, das wollten auch einige SED-Funktionäre im Bezirk Neubrandenburg“, erinnert sich Dwars. 1976 beschloss die Stadt, die Kirche zu restaurieren.
Unter 1977/78 notierte Dwars: „Beginn der Arbeiten an der Marienkirche durch den Baubetrieb Denkmalpflege Neubrandenburg in Zusammenarbeit mit dem Architekten Josef Walter. Maßbildanfertigung, Abriss der nicht fertiggestellten Winterkirche aus den 50er-Jahren. Enttrümmerung, Sicherung der Reste der mittelalterlichen Wandmalerei an der nördlichen Turmseite. Sicherung noch vorhandener Begräbnisstätten im Kirchenschiff durch die Mitarbeiter des Museums Neubrandenburg.“
Richtfest und Turmspitze
Zum 20. Juli 1982 schreibt Dwars: „Richtfest an der Marienkirche, der Dachstuhl gerichtet (unter Mithilfe des Bau- und Montagekombinats Neubrandenburg)“. An dem Tag feierte er zugleich seinen 42. Geburtstag. Das Dach von 1982 hatte Gauben und Fenster, weil geplant war, neben dem Konzertsaal auch die Kunstsammlung im Dachgeschoss unterzubringen. „Es handelte sich von vornherein um eine provisorische Dachabdeckung, weil es unsicher war, ob auch die Kunstsammlung in die Kirche einzieht.“
Am 1. Oktober 1983 wurde die neue Turmspitze aufgesetzt – ein Ereignis, das auch im Video festgehalten wurde. Im August 1986 stürzte bei einem Sturm die Eckfiale an der Südseite des Turms herab und zerstörte Teile des Daches.
Materialprobleme und neue Zeiten
Ein großes Problem war die Materialbeschaffung: „Geld war nicht das Problem, Material zu bekommen, war das große Problem.“ Formsteine und Ziegel im Klosterformat kamen aus der Töpferei von Hedwig Bollhagen in Marwitz bei Oranienburg sowie der Ziegelfabrik in Großräschen. „Wir mussten oft lange warten, dadurch verzögerten sich die Restaurierungsarbeiten erheblich. Erst ab 1990 bis 1992 verbesserte sich die Materialsituation.“
Für den September 1990 vermerkt Dwars einen Ratsbeschluss zum Ausbau der Marienkirche zum Konzertsaal nach dem Konzert von Sepp Walter. Die neuen marktwirtschaftlichen Zeiten lösten Materialprobleme: „Endlich ist die Einrüstung des Turmschaftes möglich, weil genug Rüstung vorhanden ist.“ Ein Jahr später wurde der Ostgiebel eingerüstet, im Juni 1992 fielen die Gerüste. Der Buttelgiebel erstrahlte wieder in gelblicher Backsteinpracht. Dwars bewahrte eine Urkunde auf: „Die bestallten Bauleute der Stadt Neubrandenburg geben höflichst den Stadtvätern kund, dass nach viel Mühen und Plagen der Ostgiebel von Sankt Marien in bester Güte neu entstanden ist.“
Auflösung des Baubetriebs und neuer Job
Ende 1992 notierte Dwars: „Wegen der Auflösung des Baubetriebes Denkmalpflege zum Jahresende verstärkter Abbau der Außenrüstung.“ Im Dezember 1992: „Mit der Auflösung des Baubetriebes Denkmalpflege Ende Dezember werden alle Bauarbeiten eingestellt.“ 1995 wurde der Turm neu eingerüstet, um die Sanierungsarbeiten an der Westseite auszuführen.
Dwars fand schon 1993 einen neuen Job bei einem Unternehmen aus Burg Stargard, das sich auf die Sanierung historischer Bauwerke spezialisiert hatte. Er wirkte unter anderem bei der Sanierung der Schlosskirche Neustrelitz, der Klosterkirche Malchow und den Kirchen in Dewitz und Ihlenfeld mit. Die Marienkirche bleibt seine Herzensangelegenheit: „Wenn ich bei einem Konzert sitze, kann ich noch genau sagen, wann wir an der und der Stelle in der Kirche gearbeitet haben.“