Der Historiker Falk Bersch hat im Anklamer Wehrmachtgefängnis über die Verfolgung und den gewaltlosen Widerstand der Zeugen Jehovas in Pommern zwischen 1933 und 1945 gesprochen. Sein Vortrag trug den Titel „Gott mehr gehorchen als Menschen“. Dabei schilderte er unter anderem die Schicksale von Bernhard Mischke und Martha Knie.
Bernhard Mischkes letzter Weg
Bernhard Mischke war einer der letzten Soldaten, die im Anklamer Wehrmachtgefängnis hingerichtet wurden. Der gebürtige Westpreuße arbeitete als Traktorist in der Landwirtschaft und wurde deshalb zunächst nicht zur Wehrmacht einberufen. Als er sich im September 1944 doch bei einer Wehrmachteinheit melden sollte, fuhr er nach Neustettin, dem heutigen Szczecinek, um bei einer Militärbehörde seine Wehrdienstverweigerung anzuzeigen.
Er wurde verhaftet und kam in die Wehrmachthaftanstalt Stettin. Im November wurde sein Fall verhandelt und das Todesurteil verkündet. Anfang 1945 wurde Bernhard Mischke in das Anklamer Wehrmachtsgefängnis verlegt, wo am 21. April das Todesurteil vollstreckt wurde. Er verweigerte den Wehrdienst, weil er zu den Zeugen Jehovas gehörte.
Martha Knies acht Jahre in Lagern
Ebenso wie Bernhard Mischke gehörte Martha Knie aus Leopoldshagen zu den Zeugen Jehovas. Sie verbrachte acht Jahre ihres Lebens in verschiedenen Konzentrationslagern. Erst am 5. Mai 1945 wurde sie befreit und kehrte in ihre Heimat zurück.
Beide Schicksale waren keine Einzelfälle. Letztlich waren es Hunderte, die in jener Zeit überwacht, verhaftet oder hingerichtet wurden. Die Glaubensgemeinschaft, die auch Bibelforscher genannt wurde, wurde schon recht schnell nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten 1933 verboten. Ihre Mitglieder gehörten damit zu den ersten Opfern der Verfolgung durch das Nazi-Regime. Allerdings leisteten die Zeugen Jehovas auch Widerstand, der häufig noch unterschätzt werde, wie es auf den Internetseiten des NS-Dokumentationszentrums München heißt.
Widerstand im Untergrund
Wie Falk Bersch erläuterte, konnte dieser Widerstand verschiedene Formen haben. So hätten viele Zeugen Jehovas ihre Glaubensarbeit nach dem Verbot im Untergrund fortgesetzt. Martha Knie beispielsweise benutzte ein Grammophon, um anderen Gläubigen Schallplatten mit christlichen Vorträgen vorzuspielen. Zudem beteiligte sie sich im Juni 1937 an der Verteilung des „Offenen Briefes“, was zu ihrer Verhaftung führte und sie ins Frauen-KZ Mohringen brachte.
Dieser „Offene Brief“ war eine von mehreren deutschlandweiten Protestaktionen, die durch das Untergrundnetz der Bibelforscher organisiert wurden. Dabei handelte es sich um ein Flugblatt, in dem unter anderem Einzelheiten der Verfolgung der Zeugen Jehovas geschildert wurden. Bereits am 7. Oktober 1934 wurden bei einer anderen Aktion hunderte Protestbriefe an die Reichsregierung geschickt, und parallel dazu erhielt Reichskanzler Adolf Hitler Tausende Telegramme, was ihn wohl sehr aufgebracht haben soll.
Verweigerung als Widerstand
Neben der Glaubensarbeit und der Aufklärung der Öffentlichkeit, an der sich auch nicht wenige Gläubige aus Vorpommern beteiligt haben, wie Falk Bersch mit Beispielen unter anderem aus Ueckermünde und Torgelow belegen konnte, sei auch die Verweigerung eine Form des Widerstandes gewesen. So verweigerten die Zeugen Jehovas unter anderem den Hitlergruß, die Mitgliedschaft in Parteiorganisationen und nicht zuletzt wie Bernhard Mischke den Wehrdienst.
Die Mehrzahl der über 280 Todesurteile gegen Kriegsdienstverweigerer betraf Zeugen Jehovas, heißt es beim NS-Dokumentationszentrum München. Sie beriefen sich dabei unter anderem auf eine der wohl bekanntesten Bibelstellen, in der es heißt: „Da werden sie ihre Schwerter zu Pflugscharen machen und ihre Spieße zu Sicheln.“
Verfolgung in der DDR
Doch auch nach dem Krieg kamen die Zeugen Jehovas zumindest auf dem Gebiet der DDR nicht zur Ruhe. So wurde Martha Knie 1946 zunächst als Opfer des Faschismus anerkannt. Doch schon 1950 wurde sie infolge des Verbotes der Glaubensgemeinschaft wieder verhaftet. Zunächst wurde sie in die Strafvollzugsanstalt Bützow gebracht, aufgrund ihres Gesundheitszustandes jedoch 1953 in ein Haftkrankenhaus in Leipzig verlegt, wo sie am 5. November des gleichen Jahres verstarb.