Adelheid Krämer (88) hat ihr Leben in Neubrandenburg verbracht und den Aufschwung der Stadt zu DDR-Zeiten erlebt. Die Zeit seit dem Mauerfall begreift sie als Abstieg. „Wir konnten jetzt zwar jeden Tag Bananen essen, waren aber arbeitslos“, erinnert sie sich.
Neubrandenburgs Aufschwung zu DDR-Zeiten
Neubrandenburg hatte 1989 rund 90.000 Einwohner und war Bezirkshauptstadt. Hier waren der Bezirksrat sesshaft und viele sichere Arbeitgeber wie das Reparaturwerk Neubrandenburg (RWN), der Plattenbaubetrieb und das neue Fleischkombinat. Es gab eine Brauerei, Industriebetriebe wie Nagema und Sirokko, die Großhandelskombinate und den Flugplatz in Trollenhagen.
Unmittelbar vor seiner Inbetriebnahme stand damals der in Broda neu erbaute biochemische Betrieb (VEB Pharma), für den bereits Fachingenieure aus der DDR umgesiedelt worden waren. Der Produktionsbetrieb wurde nach der Wende „abgewickelt“, wie es damals hieß.
Der Niedergang nach dem Mauerfall
Mit dem Tag des Mauerfalls in Berlin begann die Vereinnahmung der DDR und auch in Neubrandenburg grassierte bald die Arbeitslosigkeit. Den ehemaligen Bürgern der sozialistisch geprägten DDR mit Volkseigentum wurde das politische und wirtschaftliche System der kapitalistisch ausgerichteten BRD übergestülpt. Die Bürger wurden ihres Volkseigentums beraubt und ihrer Ländereien, dank der Machenschaften der Treuhand. Neubrandenburg verlor bis heute gut 30 Prozent seiner Einwohner durch den Wegzug der Jüngsten in den Westen wegen der Arbeit dort.
Krämer sagt: „Ich spreche hier für den Teil der Neubrandenburger Bevölkerung, der damals voll im Erwerbsleben stand, bis zur Rente noch gut 15 Jahre Zeit hatte und durch die politische Wende von einem Tag auf den anderen arbeitslos wurde, somit ohne persönliche Perspektive dastand. Das waren die meisten.“
Persönliche Schicksale in der Familie
Ihr Sohn war mit 28 Jahren Hauptmann der Luftstreitkräfte der Nationalen Volksarmee (NVA) in Trollenhagen. Er wollte in der Bundesrepublik weiter dienen, wurde aber abgelehnt. Nach zwei Jahren Umschulung zum Kfz-Ingenieur arbeitete er bei der DEKRA, doch dort waren alle Stellen besetzt. Er musste das Angebot der Firma Bosch aus Berlin annehmen und als Ingenieur für den Vertrieb von Autoteilen arbeiten, womit er unterfordert war.
Ihr Ehemann Egon Krämer qualifizierte sich bis zum Meister für Hochspannungsanlagen im VEB Energiekombinat. Er kletterte oft unter Lebensgefahr auf die 40 Meter hohen Leitungsmaster. Mein Mann durfte im September 1993 noch sein 40-jähriges Betriebsjubiläum feiern und wurde dann im Alter von 56 von den neuen Chefs aus dem Westen in den vorgezogenen Ruhestand entlassen. Die Differenz zwischen dieser vorgezogenen Rente und seinem ursprünglichen Verdienst wurde ihm zwar bis zum Eintritt in das gesetzliche Rentenalter monatlich überwiesen, aber für 40 Jahre bei der Energieversorgung war das einfach zu wenig!
Die ersten zwei Jahre seiner Zwangsverrentung war ihr Mann ein Fall für den Psychiater, dann übernahm er die häusliche Pflege ihrer Mutter bis zu ihrem Tod.
Beruflicher Werdegang von Adelheid Krämer
Krämer arbeitete nach dem Abitur in der HO-Bezirksdirektion als Anlehrling in den Bereichen Planung und Buchführung. Später leitete sie die Bezirk-Buchungsstation der Konsumgenossenschaft des Bezirks Neubrandenburg mit 35 Frauen und machte ein dreijähriges Fernstudium als Handelsökonomin. Sie wurde zu einem vierjährigen Fernstudium an die Handelshochschule in Leipzig delegiert und mit dem Sonderdiplom des Ministers geehrt.
Sie arbeitete zwölf Jahre lang bis zur Wiedervereinigung als ökonomischer Direktor in einem Kombinat auf Bezirksebene als einzige Frau im Leitungskollektiv und als einzige Nicht-Genossin. Nach dem Mauerfall wurde das Kombinat einem Unternehmer aus Lübeck überlassen, der es abwickelte. Sie war von einem Tag auf den anderen als Fachdirektor arbeitslos.
Per Zeitungsannonce bewarb sie sich als Dozentin für Betriebswirtschaft und arbeitete dann noch zwölf Jahre bis zur Frühverrentung mit 63 an der Technischen Fortbildungsakademie (TFA) in Neubrandenburg. Die TFA wurde mit Unterstützung des Arbeitsamtes gegründet, um entlassene, gut ausgebildete Kader aus der Arbeitslosigkeit zu führen und für die Marktwirtschaft fit zu machen.
Besonders berührend war es für sie, während einer Pause aus einem Fenster mit Blick auf eine große Werkhalle mit anzusehen zu müssen, wie gestandene Männer, bisherige Mitarbeiter des RWN, bitterlich weinten, weil gerade ihre Maschinen und Geräte versteigert wurden und sie nun arbeitslos waren.
Bevor ihr Mann vor dreieinhalb Jahren zu ihrem 64. Hochzeitstag verstarb, hatte er das Resümee gezogen, dass die politische Wende ihrer Familie außer der unbeschränkten Reisefreiheit nichts Gutes gebracht hat. Die Bewohner der ehemaligen Bezirksstadt Neubrandenburg mussten seit dem Mauerfall schwere Zeiten durchstehen. Mit hohen psychischen Belastungen, aber wir haben uns durchgekämpft!