Floßfahrt auf der Uecker: Pflegerin heuert spontan an
Floßfahrt auf der Uecker: Pflegerin heuert an

Bei einer Floßfahrt auf der Uecker in Ueckermünde hat ein Intensivpflegedienst mitten auf dem Wasser eine neue Kollegin angeworben. Die Pflegerin aus Torgelow winkte von einem kleinen roten Boot, wenige Worte wurden gewechselt, dann war die Sache besiegelt. Am nächsten Tag unterschrieb sie ihren Arbeitsvertrag.

Ein besonderer Tag für Paul

Der Ausflug Ende September war für einen 22-jährigen Klienten aus Klein Bünzow organisiert worden, der seit einem Verkehrsunfall in der ersten Klasse vom Hals abwärts gelähmt ist. Sein Pfleger Frank-Rolf Friedrich aus Meiersberg hatte das Floß bei Uwes Bootsverleih vermessen und Pauls Rollstuhl vermessen, um eine Fahrt zu planen, berichtet Marlen Hartmann vom Intensivpflegedienst Thore.

Das Verladen des 300 Kilogramm schweren Elektrorollstuhls samt Patient, Beatmungsapparat und weiterer Gerätschaften war nicht einfach: Ein flacheres Floß wurde an den Steg gefahren, eine Rampe angebracht, dann wurde Paul von dem kleineren auf das große Floß geschoben. Zehn Leute waren an Bord, darunter Pauls fünf Pfleger, seine Physiotherapeutin und seine Lehrerin. „Wir mussten das Gewicht verteilen, damit das Floß mit dem Rollstuhl nicht in Schieflage gerät. Aber Paul hat übers ganze Gesicht gestrahlt“, erzählt Hartmann.

Ein Wink vom Boot verändert alles

Mitten auf der Uecker kam eine Frau mit einem kleinen roten Boot angefahren, winkte und zeigte den Daumen hoch. „Plötzlich rief mein Kollege zu mir nach vorn, dort in dem Boot sei eine vom Fach“, erinnert sich die Intensivpflegerin. Nur wenige Worte wurden von Boot zu Boot gerufen, dann war man sich einig. „Sie hat einfach gesagt, dass sie bei uns anfängt.“ Eine Visitenkarte wurde über die Reling gereicht, dann fuhr die Fremde weiter.

„Da habe ich gesagt, wenn das klappt, rufe ich die Zeitung an“, erklärt Marlen Hartmann lachend. Und tatsächlich: Monique, die Boot fahrende Pflegerin aus Torgelow, hielt ihr Versprechen. Tags darauf heuerte sie an. Der Arbeitsvertrag ist unterschrieben, in wenigen Tagen will die neue Kollegin in Eggesin anfangen.

Fachkräftemangel in der Intensivpflege

Die Begebenheit sei wie ein Geschenk des Himmels gewesen, sagt Hartmann. Von einem besetzten oder unbesetzten Arbeitsplatz in der Intensivpflege hänge nicht nur der Gedeih des Unternehmens ab, sondern das Schicksal des jeweiligen Klienten und indirekt auch das seiner Familie. Geeignete Spezialkräfte seien im Nordosten nahezu Goldstaub. „Wir suchen immer, schalten überall Anzeigen, unternehmen alles Mögliche, meistens erfolglos“, beschreibt die zweifache Mutter die Situation.

Nur wenige Tage vor der Zufallsbegegnung hatte der Weggang eines langjährigen Kollegen ein großes Loch in das Team gerissen. Für Menschen mit schwersten Behinderungen bedeute Personalmangel, dass sie oft monatelang, manchmal jahrelang auf einen Pflegeplatz warten müssen. „Manchen müssen wir sogar ganz absagen.“

Arbeit in der 1:1-Betreuung

Die 1:1-Betreuung bei den Patienten zu Hause sei kein Vergleich zu dem Hamsterrad in großen Pflegeheimen, wo nicht selten eine Fachkraft für 50 Senioren zuständig sei, sagt Kollegin Maria Gleißner. Sie habe selbst in einem solchen Haus gearbeitet, bevor sie in die Intensivpflege wechselte. „Bei uns kümmert sich eine Fachkraft um einen Patienten“, beschreibt sie ihren Arbeitsplatz. In Zwölf-Stunden-Schichten wechseln sich die Betreuer ab, rund um die Uhr ist jemand vor Ort. Meistens bleibt das Pflegeverhältnis über viele Jahre hinweg bestehen.

„Das ist fast wie eine Familie“, sagt Maria Gleißner, die seit acht Jahren für Paul zuständig ist. „Meine Mutter meint, ich bräuchte gar keine Wohnung, könne gleich zu Paul ziehen, so oft wie ich bei ihm bin“, scherzt die 39-Jährige. „Es stimmt schon, zwölf Stunden sind eine lange Zeit, aber die können wir individuell gestalten und vor allem so, wie Paul es möchte, wie es ihm guttut.“

Pflegehelfer könne man nicht einstellen, sagt Marlen Hartmann. Pflegefachkräfte könnten nach einer Zusatzschulung anfangen. Thore Intensivpflege mit Hauptsitz in Rostock könne theoretisch im ganzen Land tätig werden. Immer wenn ein neuer Klient anfragt, wird ein Team gezielt für ihn zusammengestellt. Teams vorzuhalten, die für eventuelle Patienten in Bereitschaft stehen, sei wirtschaftlich nicht machbar. Aktuell sucht die Firma Personal vor allem für Patienten in Klein Bünzow, Schwichtenberg, Löcknitz, Nossentiner Hütte und Eggesin.

Kaum jemand wisse, dass es solche Intensivpflegedienste gibt. „Mir begegnen immer wieder Menschen, die noch nie von sowas gehört haben“, sagt Hartmann, die ihre Arbeit als „spannend, aufregend und herausfordernd“ beschreibt. Sie hofft, dass die neue Kollegin lange an Bord bleibt – schließlich könne sie kaum davon ausgehen, dass so bald wieder eine ausgebildete Intensivpflegerin durch Zufall ihr Fahrwasser kreuzt.