Kostenschock in Tutow: Anlieger der Friedenstraße müssen mit Tausenden Euro rechnen
Kostenschock in Tutow: Anlieger der Friedenstraße zahlen

Die bevorstehende Erneuerung der Friedenstraße in Tutow dürfte einigen Anliegern mächtig Kopfzerbrechen bereiten. Das keineswegs nur wegen der vorübergehenden schlechten Erreichbarkeit ihrer Grundstücke. Vielmehr drohen erhebliche Nebenkosten, mit denen viele nicht gerechnet haben.

Viele erfuhren erst jetzt von ihrem „Glück“

Die Rede ist von tausenden Euro, die auf die Eigentümer zukommen. Die meisten der Betroffenen bekamen davon aber wohl erst bei der Einwohnerversammlung zum Bauablauf des Ende September startenden Millionenprojekts Kenntnis. Entsprechend überfahren fühlen sie sich von ihrer Kommune.

Zwar sind die Leute seit ein paar Jahren in Mecklenburg-Vorpommern beim kommunalen Straßenbau von „Anliegerbeiträgen“ verschont. Aber das schließt neben der Fahrbahn nur Bürgersteige und Beleuchtung mit ein, nicht eventuelle Arbeiten an Ver- und Entsorgungsleitungen im angrenzenden privaten Bereich.

Die meisten Leitungen sind so alt wie der Ort

Genau da will die Gesellschaft für Kommunale Umweltdienste mbH Ostmecklenburg-Vorpommern (GKU) als Dienstleister für den Wasser- und Abwasserzweckverband Demmin/Altentreptow aktiv werden. Immerhin stammen viele der Tutower Leitungen wie die meisten der dortigen Wege aus der Entstehungszeit des Ortes als zivile Siedlung zum benachbarten neuen Militärflugplatz, also aus den 1930er-Jahren. Sie verlaufen teils außerhalb öffentlicher Grundstücke und entsprechen nicht heutigen Standards.

Deshalb soll die Gelegenheit ergriffen werden, im Zuge der Grunderneuerung der Friedenstraße auch in der Tiefe für Ordnung zu sorgen, also neue Hauptstränge für Trinkwasser und die Abwasserentsorgung zu verlegen. Das geht mit neuen Hausanschlüssen einher – und die sind jenseits kommunalen Bodens kostenpflichtig.

Trinkwasseranschlüsse sind schon weitgehend neu

Während sich die neuen Trinkwasseranschlüsse an einer Hand abzählen lassen, sind beim Thema Entsorgung so gut wie alle betroffen, wie das zuständige Ingenieurbüro und André Schönerstedt-Jankowski als Leiter der Demminer GKU-Betriebsstelle bei der Versammlung informierten.

„Sie bekommen auf Ihrem Grundstück einen Schacht für Regenwasser und einen Schacht für Schmutzwasser“, so Planer Steffen Teetz. Diese Schächte und deren Anschluss innerhalb der privaten Einfriedung werde später den Besitzern in Rechnung gestellt.

Die Kosten variieren teilweise sehr stark

Die Kosten variieren. Zum einen, weil sie von der individuellen Länge der Leitung abhängen, zum anderen, weil die meisten der dort einst errichteten Standard-Doppelhäuser bisher jeweils nur einen gemeinsamen Abwasseranschluss besitzen, gelegen auf einer der beiden Parzellen.

Was im Deutschen Reich und auch noch später als gängig galt, widerspreche den heutigen Vorgaben, machte André Schönerstedt-Jankowski klar. Jeder benötige einen eigenen Zugang. Das habe zur Folge, dass die eine Hälfte der Leute einen komplett neuen Anschluss erhält und entsprechend mehr Geld fällig wird, während bei den anderen das Ganze nur auf Vordermann gebracht und den aktuellen Standards angepasst wird. Sie hätten Glück, hieß es. „Den Kontrollschacht muss aber jeder bezahlen.“

Mit genaueren Angaben hielten sich alle zurück

Der GKU-Chef sprach auf eine erste Anfrage aus dem Publikum hin von einem Durchschnittspreis zwischen etwa 3000 bis 4000 Euro. Es könnte also auch mal weniger oder eben deutlich mehr werden. Ob das für beide Anschlüsse zusammen gilt, dazu wollte dann allerdings keiner mehr eine verbindliche Aussage treffen.

„Hier leben viele Rentner, wie sollen die das stemmen?“, fragte eine Frau in die Runde. Ein Mann verwies darauf, dass bei ihm das System funktioniere, er nach seiner Auffassung also nichts Neues benötige. „Das hätte man auch vorher mal sagen können! Wir werden hier vor vollendete Tatsachen gestellt“, lautete eine weitere Wortmeldung.

Mit Aufrechnung ist wohl nicht vor 2028 zu rechnen

Was genau dieses Anschlusspaket koste, lasse sich erst nach der Prüfung der Endabrechnung des Projekts im Einzelnen sagen, so die Verantwortlichen. Das sei wohl nicht vor 2028 zu erwarten. Die Betroffenen könnten sich also lange genug darauf einstellen und bei Bedarf obendrein eine Stundung beantragen.

Tutows zweiter stellvertretender Bürgermeister, Gemeindevertreter Franco Hein, versuchte, die Wogen zu glätten. Das galt auch für die im Planentwurf enthaltenen Parknischen und acht Bäume, die manche als störend einstuften oder zumindest deren Laub.

Die Gemeinde steckt 1,23 Millionen Euro in dieses Projekt

Schließlich seien sich doch wohl alle einig, dass die Friedenstraße endlich auf Vordermann gebracht werden müsse, so der Abgeordnete. Er verwies nicht nur auf die enorme Summe von 1,23 Millionen Euro, die von der Kommune zu diesem Zweck eingesetzt werde – allein für den ersten Bauabschnitt –, sondern zugleich auf den Umstand, dass ein Großteil der Anlieger in der Vergangenheit schon mit Problemen bei Abwasserleitungen konfrontiert gewesen sei.

„Es wäre doch der absolute Wahnsinn, wenn wir das nicht gleich alles vernünftig machen“, erklärte Franco Hein – wohl wissend, dass so mancher Bewohner umliegender Dörfer, der für den Bau und Betrieb seiner Kleinkläranlage aufkommen muss, bei so einer vergleichsweise günstigen zentralen Anschlussmöglichkeit sofort einschlagen würde.