Um die leerstehenden Hochhäuser in der Neubrandenburger Oststadt ist es über den Sommer ruhig geworden. Noch im Frühjahr waren Feuerwehrleute immer wieder zu Bränden in dem Gebäudekomplex in der Helmut-Just-Straße ausgerückt, mehrmals wurden dort Menschen gerettet. Seit die Stadt das Gelände aufwendig sichern ließ, blieben weitere Feuer und gefährliche Einsätze aus.
Doch gelöst ist das Problem damit noch lange nicht.
Hochhauskomplex soll versteigert werden
Denn die Brandruine steht weiter leer, eine neue Nutzung ist nicht in Sicht. Und die Ruhe hat ihren Preis: Knapp 43.000 Euro gab die Stadt schon für Baustrom, Einzäunung, Videoüberwachung, Kontrollgänge und Nachsicherungen aus. Sämtliche Kosten sind der Eigentümerin in Rechnung gestellt worden, doch nach dem zuletzt bekannten Stand ist das Geld weiterhin offen. Zugleich befindet sich das Grundstück in einem Zwangsversteigerungsverfahren. Ein Termin steht noch nicht fest.
Währenddessen sind die verrußten Fassaden der Elfgeschosser am Rand des Stadtviertels kaum zu übersehen. Weitaus schwerer zu erkennen ist, wer über das Hochhaus tatsächlich entscheidet. Denn zwischen dem Gebäude und den handelnden Personen liegt eine Kette aus Gesellschaften, wechselnden Namen und Geschäftsanschriften.
Eine kurze Antwort findet sich im Grundbuch: Das Areal gehört der Realisation Real Estate GmbH & Co. Verwaltungs-KG mit Sitz in Berlin und Geschäftsanschrift in Wiesbaden.
Eigentümerin ändert Namen und Anschrift
Die lange Antwort ist etwas komplizierter. Beim Kauf des anderthalb Hektar großen Areals im Jahr 2019 hieß dieselbe Gesellschaft noch Roson Projektgesellschaft mbH & Co. KG. Vertreten wurde sie damals durch eine GmbH, deren Geschäftsführer Honza Jens Klein war. Das Grundstück wurde seitdem nicht erneut verkauft, geändert wurden jedoch Firmenname, Geschäftsanschrift, Beteiligte und Verantwortliche.
Was aber hatte diese Gesellschaft mit dem früheren Wohnheim vor? Der Stadt wurde seit dem Kauf kein konkretes Entwicklungsvorhaben vorgestellt. Eine erneute Wohnheimnutzung wäre wegen des damaligen Bestandsschutzes laut Stadt aber grundsätzlich möglich gewesen.
Später wurde es zunehmend brenzlig in der Helmut-Just-Straße. Bereits nach einem Feuer im April 2025 nahm das Ordnungsamt Kontakt zur Eigentümerseite auf, die Sicherungsmaßnahmen ankündigte. Weil sich die Lage nicht ausreichend besserte, übernahm die Bauaufsicht das Verfahren. Ende August 2025 erklärte ein Bevollmächtigter der Eigentümerin, das Objekt solle verkauft werden. Verbesserungen an Bausubstanz oder Sicherung seien nicht angekündigt worden.
Stadt und Eigentümerin mit wenig Kontakt
Seit Ende 2025 beschränkt sich der Kontakt nach Darstellung der Stadt auf die förmliche Zustellung von Schreiben und Bescheiden. Doch eine bestätigte Zustellung ist noch kein Gespräch – und erst recht keine Lösung.
Parallel wurde die Gesellschaftsstruktur hinter dem Gebäudekomplex verändert. Um sie zu verstehen, muss man zwei Firmen auseinanderhalten: Die Realisation Real Estate GmbH & Co. Verwaltungs-KG besitzt das Grundstück. Alleiniger Kommanditist, also ihr beschränkt haftender Teilhaber, ist dort seit November 2025 Heinrich Klaus Wilhelm Ludwig. Vertreten und geführt wird diese Kommanditgesellschaft wiederum durch eine weitere Firma, die Realisation Real Estate GmbH. Sie hat ihren Sitz seit Januar 2026 in Wiesbaden, vorher Berlin, Geschäftsführer ist Heinz Jürgen Walter Fuhrmann.
Auf dem Papier ist damit eine Zuständigkeit vorhanden: Fuhrmann ist Geschäftsführer jener GmbH, die die Eigentümer-KG führt und nach außen vertritt. Im Gespräch mit dem Nordkurier zeichnet Jürgen Fuhrmann jedoch ein anderes Bild. Als Geschäftsführer wurde er Anfang November 2025 eingetragen, von der Immobilie in Neubrandenburg habe er zu diesem Zeitpunkt aber laut eigener Aussage noch nichts gewusst. Erst nach der Übernahme des Amtes sei er darüber informiert worden.
Geschäftsführer sollen Informationen fehlen
„Ich konnte die Tätigkeit als Geschäftsführer zu keiner Zeit wirklich ausüben, weil ich keine Informationen hatte“, sagt Fuhrmann. Ihm hätten Unternehmenszahlen, Bankverbindungen und wichtige Geschäftsunterlagen gefehlt. Als Zahlungsaufforderungen und Vollstreckungsankündigungen bei ihm eingingen, habe er Kontakt zu den jeweiligen Stellen aufgenommen und seine Zusammenarbeit angeboten.
Besonders erstaunlich: Von dem laufenden Zwangsversteigerungsverfahren für die Neubrandenburger Immobilie wusste der Geschäftsführer nach eigener Aussage bis zum Gespräch mit dem Nordkurier nichts. „Davon habe ich gar nichts gehört“, sagte Fuhrmann. Frühere Angaben über eine Insolvenz haben sich bislang nicht bestätigt. Auch der Stadt Neubrandenburg liegen dazu nach eigener Aussage keine Informationen vor.
Aber wer führte die Geschäfte, wenn nicht der eingetragene Geschäftsführer? Fuhrmann vermutet, dass Ludwig dies weitgehend allein getan habe, belegt ist das bislang nicht. Inzwischen habe Ludwig sich bei seinen Fragen zur Gesellschaft „weitgehend in Schweigen gehüllt“, so Fuhrmann.
Gelingt ein Verkauf der Immobilie?
Nach Nordkurier-Informationen bemüht sich die Eigentümerin um einen möglichst kostendeckenden Verkauf. Der Erlös soll offene, durch das Grundstück abgesicherte Forderungen wenigstens teilweise decken. Fuhrmann hält das für unrealistisch: Das Objekt könne nur mit Verlust verkauft werden, es gehe um Schadensbegrenzung. Zugleich versuche er, aus der Geschäftsführung auszuscheiden. An einer Lösung wolle er dennoch so weit wie möglich mitwirken.
Der Nordkurier möchte sie auch den weiteren Beteiligten stellen. Eine direkte Kontaktmöglichkeit zu Heinrich Klaus Wilhelm Ludwig konnte die Redaktion aber bisher nicht ermitteln. Auch der frühere Roson-Geschäftsführer Honza Jens Klein war trotz mehrerer Kontaktversuche bislang nicht zu erreichen.
Um die Brandruine in der Helmut-Just-Straße ist es ruhiger geworden. Für Feuerwehr und Anwohner ist das eine gute Nachricht. Doch hinter den gesicherten Eingängen bleiben die entscheidenden Fragen offen: Wer übernimmt Verantwortung für das Gebäude – und wer bezahlt am Ende für die Folgen seines Verfalls?