Beim Markt im Woggersiner Kulturspeicher dröhnt „Dich hat der Himmel geschickt“ aus den Boxen – und eine Vierjährige legt los: Gut im Takt und mit rasend schnellen Schritten tanzt sie vor der Bühne. Ihr Vater, ein Rückkehrer, kennt den Song bis dahin gar nicht.
Shazam bringt Licht ins Dunkel
Die App Shazam identifiziert den Titel als aktuellen Hit von Frank Schöbel. Der Vater, als DDR-Kind aufgewachsen, kennt den Schlagersänger vor allem von der „Super illu“, die seine Mutter bis heute abonniert hat. Seine eigene musikalische Sozialisation war eine andere: „Eigentlich bin ich ja der elektronischen Musik zugewandt, nicht zuletzt durch meine lange Zeit in Berlin.“
Doch der Nordosten ist schlageraffin: Seit dem 1. April 2026 sendet „Schlager Radio“ als neuer landesweiter Sender in Mecklenburg-Vorpommern. Der Geschäftsführer sprach im Nordkurier-Interview von einer Schlagersehnsucht und einer besonderen Schlageraffinität im Nordosten, wie Untersuchungen ergeben hätten.
Frank Schöbel über junge Fans
Frank Schöbel selbst findet es normal, dass Kinder seine Musik mögen: „Kleine Fans kommen vor allem auf meine Weihnachtstouren im Dezember und sind auch dabei, wenn wir im Sommer auf Freilichttour sind“, so Schöbel auf Nordkurier-Nachfrage. Er finde das gut und sieht darin eine logische Folge, die das Klischee eines nur von älteren Fans geschätzten Schlagersängers widerlegt. „Kommt aber auch immer auf die Lieder und den Typ an“, sagt Schöbel.
Noch textsicherer als bei „Dich hat der Himmel geschickt“ ist die Vierjährige beim Song „Adler fliegen einsam“. Im Auto werden fast alle Liedzeilen souverän mitgesungen. Das älter anmutende „Butterfly“ ist dagegen eher etwas für den Vater, der sich am Steuer fast beim Schunkeln erwischt.
Schlager im Wandel
Schlager ist nicht mehr Schlager: Ben Zucker, Beatrice Egli oder Helene Fischer sind eine andere Generation als Howard Carpendale, Bata Ilic oder Roberto Blanco. Die Schwester des Autors ist Mitte 30 und liebt Schlager – es gibt längst eine jüngere Fangemeinde. Doch die Wirkmacht einer über 80-jährigen DDR-Ikone auf eine Vierjährige hat ihn erstaunt.
So hallen DDR-Künstler bis heute nach, auch wenn sie im wiedervereinigten Deutschland wenig Gehör finden. Ausnahmen wie „Am Fenster“ von City und „Alt wie ein Baum“ von den Puhdys wurden einst Hits in der Studienrunde des Autors – genau wie Frank-Schöbel-Songs für seine Tochter.