Hinter schweren Brandschutztüren verbirgt sich die Sonderausstellung zu 800 Jahren Parchim. Die Türen sind gleichsam der Einband des Parchimer Familienalbums, das Erinnerungen an die Geschichte der Stadt an der Elde bewahrt, die 1226 das Stadtrecht erhielt. Auf 300 Quadratmetern Fläche gibt es Einblicke in das „Familienalbum“ der Stadt – interaktiv und für jede Generation. „Das war unser Ansinnen“, betont Museumsleiterin Antonia Krüger und fügt an: „Wir wollten eine Ausstellung für jede Altersgruppe schaffen und damit Menschen verbinden.“
Ein Stadtspaziergang durch die Ausstellung
Der Eingangsbereich widmet sich den Stadtjubiläen. „Wir wollten wissen, wie die Menschen solche Jubiläen erleben und haben, unter anderem aus dem Stadtarchiv, Erinnerungsstücke von den vergangenen Festumzügen bekommen, die wir hier zeigen können“, so Krüger. Besonders die Filmaufnahmen der Festumzüge ziehen die Besucher in ihren Bann. „Es ist schön zu sehen, wie die Menschen innehalten und die Filme betrachten“, so Krüger. Dabei beobachte sie immer wieder Menschen, die Leute auf den Aufnahmen wiedererkennen oder sich an die Umzüge erinnern können, vielleicht selbst Teil von ihnen waren.
Der zentrale Punkt, von dem aus die Besucher zu ihrem Stadtspaziergang aufbrechen, ist der Marktplatz, der mitten in der Ausstellung liegt und auch als Treffpunkt dient. Die Atmosphäre wird durch eine echte Geräuschkulisse abgerundet – aufgenommen durch Schüler der Parchimer Goetheschule. „Da rattert die Kaffeemaschine der Bäckerei Hornung am Markt, das Signal an den Bahnschranken und die Sirene der Feuerwehr sind zu hören, aber auch Verkehrsgeräusche oder die Kulisse eines Klassenzimmers“, verrät Antonia Krüger.
Interaktive Erlebnisse für Groß und Klein
Interaktiv können die Besucher die gesamte Ausstellung erkunden. Den Parchim-Reisepass gibt es inklusive. „Hier können Stempel gesammelt werden“, gibt die Museumsleiterin einen Einblick. „Gefunden werden können sie an verschiedenen Stellen.“ Auf einem kniehohen Tisch auf dem Marktplatz, der von historischen Lampen beleuchtet wird, die einst am Rathaus hingen, sind verschiedene Stadtansichten, Zeichnungen und Skizzen aus dem 16. Jahrhundert bis heute zu bestaunen. Sitzbänke laden zum Verweilen ein.
Sternförmig führt der Spaziergang zunächst vorbei an den Ausgrabungen im Umfeld der Georgenkirche. „Dort wurden verschiedene Gegenstände gefunden, die wir hier zeigen können“, verrät die Museumsleiterin und zählt auf: „Unter anderem ein Stück einer Glocke, Pilgerabzeichen, Totenarmbänder oder Scherben von Pilgermuscheln. Die Geschichte hört nicht heute auf, sie geht weiter, und zu ihr gehört die Vergangenheit ebenso wie die Zukunft.“
Von Sütterlin bis zur Postkutsche
Auch in die Gastronomie und das Friseurhandwerk gibt es Einblicke. „In dem Bereich der Schule ist die Veränderung und Entwicklung besonders zu erleben“, so Krüger. Wo früher auf Schiefertafeln und mit Griffel in Sütterlin geschrieben wurde, haben heute digitale Tafeln und Tablets Einzug gehalten. „Auf eine digitale Tafel haben wir aber bewusst verzichtet“, sagt Krüger und lacht.
Am Ende der Ausstellung wartet ein außergewöhnliches Element: die historische Postkutsche, ein Nachbau aus der Auflösung einer Sammlung. „Zum Familienaktionstag am 29. August zwischen 13 und 17 Uhr dürfen die Gäste auf dem Platz des Kutschers und in der Kabine im hinteren Teil Platz nehmen und ein Erinnerungsfoto machen“, gibt die Museumsleiterin einen Ausblick.
KI-Porträts und Besucherstimmen
Die Besucher werden nicht nur Orte entdecken, sondern auch Menschen begegnen. Ihre Porträts hängen an verschiedenen Plätzen und sind durch künstliche Intelligenz lebendig gemacht – möglich gemacht durch die wissenschaftliche Volontärin Kim Ngoc-Leuschner. Sie hat den Porträts Leben eingehaucht, die Texte verfasst und alles so erstellt, als würden sie wirklich mit den Besuchern interagieren. Manche Besucher sind auch selbst Teil der Ausstellung geworden. Mit der Aktion „Parchim ist für mich ...“ wurden bei verschiedenen Veranstaltungen Menschen gefragt, was Parchim für sie ist. 160 Kurzvideos sind ebenfalls in der Ausstellung zu sehen.
„800 Jahre Stadtgeflüster. Ein Spaziergang durch Alltag und Geschichte“ ist noch bis zum 25. Oktober 2026 in der Kulturmühle am Fischerdamm zu erleben. Geöffnet ist das Museum dienstags bis freitags von 10 bis 17 Uhr, samstags und sonntags sowie an Feiertagen von 13 bis 17 Uhr. Bisher waren rund 1300 Menschen in der Ausstellung zu Besuch.
Begleitprogramm mit Vorträgen
Ergänzend sind verschiedene Aktionen geplant. Beim Familienaktionstag am 29. August 2026 von 13 bis 17 Uhr können Gäste die kaiserliche Postkutsche hautnah erleben und sich auf einem Foto verewigen. Am 10. September um 17 Uhr findet der Vortrag „Unter unseren Füßen – Neue Erkenntnisse aus den Ausgrabungen an St. Georgen“ mit Grabungsleiterin Gesine Ratfelder und Dr. Torsten Dressler vom Archäologiebüro ABD-Dressler statt. Am 8. Oktober um 17 Uhr folgt der Vortrag „Als die Kameras noch surrten – Filme und Geschichten aus dem Amateurfilmstudio des Kreiskulturhauses Kurt Bürger in Parchim“ (1958 bis 1989) mit Marco Marohn und Steffen Struck.