In der Dorfkirche Ruchow bei Mustin steht ein kleines Orgelpositiv aus dem Jahr 1684. Es wird dem Hamburger Orgelbauer Jochim Richborn zugeschrieben und gilt als ältestes erhaltenes Barock-Positiv Mecklenburgs. Ein Positiv ist eine kleinere Standorgel mit einer Tastatur und wenigen Klangfarben. Solche Instrumente konnten früher auch an anderen Orten aufgestellt werden.
Entdeckung hinter alten Pfeifen
Entdeckt wurde das Positiv vor knapp 15 Jahren im Inneren der größeren Schmidt-Orgel von 1796. Der mecklenburgische Orgelsachverständige Friedrich Drese erkannte bei Untersuchungen Merkmale, die zu bekannten Arbeiten Richborns passten. Von diesem Orgelbauer sind heute nur wenige Instrumente erhalten, unter anderem in Lübeck, Schweden und auf Teneriffa.
Während der Restaurierung fand sich im Inneren des Instruments die Jahreszahl 1684. Damit ließ sich das Ruchower Positiv zeitlich einordnen. Es entstand ein Jahr nach der Orgel in Basedow von 1683. Anders als eine große Kirchenorgel besitzt es nur eine Tastatur, keine selbstständige Pedalklaviatur für die Füße und fünf Register, also fünf wählbare Klangfarben.
Vom Schloss in die Dorfkirche
Das Instrument hat zwei Flügeltüren, seitliche Hebel zum Umschalten der Register und eine hölzerne Konstruktion, die in Teilen aus der Entstehungszeit stammt. Große Teile des Gehäuses, zahlreiche Pfeifen und mehrere alte Bauteile blieben erhalten. Im Orgelinventar Mecklenburgs wird es unter anderem mit einer Windlade aus Eiche beschrieben; dieses Bauteil verteilt die Luft auf die Pfeifen.
Die ersten Jahrzehnte der Geschichte sind nicht dokumentiert. Um 1770 befand sich das Positiv in der Schlosskapelle der reformierten Gemeinde in Bützow. Nach kurzem Privatbesitz wurde es 1790 nach Ruchow verkauft. Sechs Jahre später baute der Dobbertiner Orgelbauer Heinrich Schmidt das ältere Instrument in eine größere Orgel ein.
Bei diesem Umbau gingen die ursprüngliche Tastatur, Teile der Spielmechanik und der Blasebalg verloren. Der Blasebalg versorgte die Pfeifen mit Luft. Später wurde die Orgel weiter verändert. Überliefert ist auch, dass barockes Schnitzwerk noch 1984 vorhanden war und um 1987 gestohlen wurde. Das heutige Rankenwerk entstand bei der Restaurierung nach Vergleichen mit norddeutschen Orgeln jener Zeit.
Restaurierung mit europäischen Vorbildern
2015 restaurierte die Dresdner Orgelbaufirma Jehmlich das Richborn-Positiv weitgehend in den vermuteten früheren Zustand. Dafür wurden erhaltene Richborn-Positive in der Lübecker St.-Jakobi-Kirche, in Skokloster in Schweden und in La Laguna auf Teneriffa verglichen. Das Instrument auf Teneriffa spielte dabei eine wichtige Rolle, weil dort besonders viel alte Substanz erhalten ist.
Die Restaurierung der beiden historischen Orgeln in der Dorfkirche kostete rund 235.000 Euro. 175.000 Euro kamen aus Bundesmitteln. Der Kirchenkreis Mecklenburg und das Land Mecklenburg-Vorpommern steuerten jeweils rund 21.000 Euro bei. Der übrige Betrag wurde durch private Spenden finanziert. Maßgeblich vorangetrieben wurde das Projekt von Stefanie von Laer und dem Förderverein „Historische Orgel zu Ruchow“.
Zwei Instrumente unter einem Dach
Heute stehen in der Dorfkirche zwei restaurierte Orgelinstrumente. Die Schmidt-Orgel von 1796 befindet sich auf der Empore. Das Richborn-Positiv steht im Altarraum. Bei Konzerten können beide Instrumente nacheinander gespielt werden. Dabei wird hörbar, wie unterschiedlich Orgelbau und Klangvorstellungen im 17. und späten 18. Jahrhundert waren.
Die Geschichte des Positivs ist eng mit Mecklenburg verbunden. Nachweisbar sind Stationen in Bützow und Ruchow, der Umbau durch Heinrich Schmidt aus Dobbertin und die heutige Pflege durch den örtlichen Förderverein. Zugleich steht das Instrument in einer Region mit ungewöhnlich vielen erhaltenen Orgeln. Im Kirchenkreis Mecklenburg werden mehr als 640 historische und moderne Orgeln gezählt, landesweit etwa 1000.
Regelmäßige Gottesdienste finden in der Dorfkirche heute kaum noch statt. Der Förderverein „Historische Orgel zu Ruchow“ organisiert deshalb mehrere Konzerte im Jahr. Vorsitzender ist inzwischen Hubertus von Streit, der das Amt von Stefanie von Laer übernommen hat. Die Reihe „Musik in alten Mauern“ führt auch in andere Kirchen der Region, unter anderem nach Gägelow, Woserin, Hohen Pritz und Dabel. In Ruchow sind die nächsten Konzerte für den 30. August, 19. September und 29. November 2026 geplant, jeweils um 17 Uhr.