Denkmal erinnert an erschossenen Harry Krause am Goldensee
Denkmal für erschossenen Harry Krause am Goldensee

Ein Denkmal in Groß Thurow erinnert an das Schicksal von Harry Krause. Der zehnjährige Junge wurde am 31. Januar 1951 beim Schlittschuhlaufen auf dem Goldensee von einem DDR-Grenzpolizisten erschossen. Seine Schwester Hannelore Gradhand besuchte den Ort und gedachte ihres Bruders.

Erinnerungen an den Tod des Bruders

Für Hannelore Gradhand ist ein Besuch in Groß Thurow nie einfach. „Die Erinnerungen kommen hier alle wieder hoch“, sagt sie. Sie war neun Jahre alt, als ihr Bruder starb. Ihr Vater musste den toten Jungen mit einem Schlitten vom zugefrorenen See holen. „Mein Vater musste seinen toten Jungen auf dem Eis mit einem Schlitten herüberholen. Er hatte sich in Schlagsdorf eine Genehmigung geholt, damit sie nicht auf ihn schießen“, erinnert sich Gradhand. „Wir Kinder haben das damals alles miterlebt.“

Der Goldensee war damals ein Grenzgewässer und gehörte zur DDR. Die Grenzlinie verlief am Westufer. Nach dem Vorfall erklärte einer der Grenzsoldaten, er habe einen Warnschuss abgegeben. Der Schuss tötete Harry Krause jedoch. Der Grenzpolizist erhielt eine Disziplinstrafe, gerichtliche Ermittlungsverfahren unterblieben. Obwohl der Schusswaffeneinsatz gegen Kinder nicht erlaubt war, erklärt Dr. Andreas Wagner vom Grenzhus Schlagsdorf. Die Familie habe immer wieder eine Untersuchung der Tat eingefordert.

Zwangsaussiedlung und späte Ehrung

1952 wurde die Familie zwangsausgesiedelt. „Meinem Vater hatte man dann Schweigegeld angeboten“, erinnert sich Hannelore Gradhand. „Doch er hat so etwas nicht angenommen. Er hat gesagt, dass er sich sein Kind nicht bezahlen lässt. Dann standen wir wohl auf dem schwarzen Brett und waren für diesen Staat nicht tauglich.“

Gradhand wohnt heute in Neubrandenburg. Drei- oder viermal war sie seitdem in Groß Thurow, sagt sie – und es berühre sie immer wieder. Vor Ort erinnert eine Stele an das Schicksal von Harry Krause. „Dass das jetzt auch noch in dieser Zeit so gewürdigt wird, das finde ich sehr lobenswert und berührt mich sehr“, sagt sie.

Gedenken und historische Einordnung

Das Schicksal des Jungen geriet in Vergessenheit, bis die Politologin Dr. Sandra Pingel-Schliemann auf den Fall stieß und Schüler der Freien Waldorfschule Schwerin Geld für ein Denkmal sammelten. 2016 übergab der Künstler Götz Schallenberg (1947-2017) seine Plastik der Öffentlichkeit. Während sie zuvor auf dem Gelände einer nahegelegenen Bildungsstätte stand, ist sie nun direkt an der Badestelle in Groß Thurow zu finden und dadurch besser zugänglich.

„Viele denken, erst mit 1961 beginnt ein verschärftes Grenzregime. Aber bereits diese frühen Jahre zeigen, wie sich diese Entwicklung bahnbricht“, schilderte Andreas Wagner beim Gedenken an die Opfer des DDR-Grenzregimes anlässlich des 65. Jahrestages des Mauerbaus am Denkmal in Groß Thurow. „Dieser neue Staat, die DDR, versuchte mit aller Kraft und auch mit der Gewalt von Schusswaffen diese Grenzsituation durchzusetzen. Und was bis dahin kein Problem war – man bewegte sich auf dem See, im Winter fuhr man Schlittschuhe, und selbst wenn man erwischt wurde, wurde man zwar mitgenommen und verhört, aber dann kam man wieder frei – veränderte sich“, erläutert Wagner. „Diese Grenzziehung wurde zu einer mit Schusswaffen gesicherten Trennlinie. Harry Krause fiel dieser neuen Situation zum Opfer.“

Anfang der 1950er Jahre sei eine sehr blutige Zeit gewesen. „Die Zahl der Grenztoten steigt explosionsartig“, sagt Wagner. Zwischen 1950 und 1952 seien an der innerdeutschen Grenze 58 Menschen gestorben. „Das sind über die Hälfte aller Getöteten zwischen 1949 und 1960.“

Wie Burkhard Bley, Landesbeauftragte für Mecklenburg-Vorpommern für die Aufarbeitung der SED-Diktatur, schildert, wenden sich auch mehr als 35 Jahre nach dem Ende der DDR jedes Jahr hunderte Menschen an die Beratung beim Landesbeauftragten für die Unterstützung bei der Anerkennung und Entschädigung von SED-Unrecht.