Leo Thiel aus Hornstorf hat am Grab seiner Mutter versprochen, die schlimmen Erlebnisse nicht für sich zu behalten. Dieses Versprechen hat der 96-Jährige gehalten: Im Kreisagrarmuseum Dorf Mecklenburg erzählte er bei der Veranstaltung „Ankommen in Mecklenburg“ von seiner Flucht aus Ostpreußen und den ersten Tagen in der neuen Heimat.
Vier Wochen im Zug ohne Wasser und Nahrung
Mit 15 Jahren wurde Leo Thiel zwangsausgesiedelt. In vollgestopften Zügen ging es von Ostpreußen Richtung Neukloster. „Die Reise hätte normalerweise wenige Tage gedauert, wir waren vier Wochen unterwegs“, erinnert sich der heute 96-Jährige. „Ohne Toilette, ohne Trinkwasser, ohne Lebensmittel. Die Züge standen besonders lange auf den Bahnhöfen, wohl, damit wir ausgeplündert werden konnten. Wir sind herumgelaufen wie streunende Hunde und haben nach Nahrung gesucht.“
Am 5. Dezember 1945 endete die Reise für seine Familie und viele andere Flüchtlinge in Neukloster. Sie wurden in einer ehemaligen Landwirtschaftsschule untergebracht und schliefen mit mehreren Familien auf dem Boden. In einer Volksküche gab es Kartoffelsuppe. „Wir haben zwar was zu essen bekommen, aber jeder Neuankömmling war auf sich allein gestellt“, sagt Thiel. „Außerdem haben wir gestunken wie die Aasgeier. Vier Wochen lang hatten wir uns auf der Zugfahrt nicht gewaschen und keine Klamotten gewechselt.“
Mutter stirbt im März 1946
In der neuen Heimat verschlechterte sich der Zustand der Mutter von Tag zu Tag. Im März 1946 starb sie. Leo Thiel ist sicher: „Wohl an den Folgen des grauenhaften Jahres 1945. Sie hat Furchtbares erlebt in unserer alten Heimat. Wir wohnten in Lautern im ostpreußischen Kreis Rößel, was heute in Polen liegt. Eines Tages kamen die Russen. Sie haben alle Männer aus dem Ort zwischen 16 und 65 Jahren verschleppt und den Pfarrer erschossen.“
Er erzählt auch von Vergewaltigungen der Frauen, auch seiner Mutter. „Das passierte nicht nur einmal, sondern zog sich über Wochen hin. Oft hat sich meine Mutter unter Einsatz ihres Lebens vor ihre Töchter gestellt, um sie zu schützen. Ich kann mich auch daran erinnern, wie mein kleiner Bruder einem Russen Sand ins Gesicht geworfen hat, um eine Vergewaltigung zu verhindern. Der hat sofort sein Gewehr genommen und auf ihn geschossen. Zum Glück war mein Bruder schon zur Tür raus.“
Versprechen am Grab
Weil er kein fertiges Kreuz für die Beerdigung seiner Mutter auftreiben konnte, bog Leo Thiel ein Stück Draht zurecht und brannte Buchstabe für Buchstabe den Namen seiner Mutter in ein Holzkreuz. Am Grab versprach er: „Ich werde unser Schicksal aufschreiben und anderen vom grausamen Jahr 1945 erzählen.“
Seinen Vater sah er nie wieder. Dieser starb auf dem Transport nach Sibirien nach einem Tag. Leo kam auf einen Bauernhof nach Hornstorf, seine jüngeren Geschwister in ein Kinderheim. „Bei dem Bauern habe ich es gut gehabt“, erzählt er. „Später wurde diese Familie unser zweites Elternhaus.“ Die große Schwester arbeitete später im Kinderheim als Hilfskraft und sagte lobend, dass sie und die anderen es ohne ihren Bruder Leo wohl nicht geschafft hätten.
Schreiben half bei der Verarbeitung
In der DDR durfte über Flucht, Vertreibung und sowjetische Massenvergewaltigungen offiziell nicht frei gesprochen werden. Leo Thiel schrieb seine Erinnerungen auf und erzählte Freunden und Kollegen davon. „Das hat mir geholfen, das Ganze zu verarbeiten. Doch manche Kollegen warnten mich: Halt bloß die Schnauze, sonst sperren die dich noch ein.“
Nach der Wende suchte er einen Verlag für seine Aufzeichnungen. „Es haben sich einige gemeldet“, sagt er. „Doch die sagten, sie würden dies und das gern ändern. Das wollte ich nicht.“ Also fertigte er selbst ein Buch an und verschenkte es an Freunde und Bekannte. Außerdem ging er an Schulen, um Jugendlichen von seinen Erlebnissen zu berichten.
Neues Zuhause in Hornstorf
Leo Thiel blieb einige Jahre bei dem Bauern in Hornstorf, lernte dort seine Frau kennen und machte sich später als Fuhrunternehmer selbstständig. Er fuhr mit einem Traktor Lanz Bulldog Baumaterial durch Wismar und Umgebung. Danach kehrte er in die Landwirtschaft zurück, steuerte Mähdrescher, arbeitete als Schlosser in einer Traktorenwerkstatt und verwaltete ein Ersatzteillager.
Nach der Wende 1989 verloren zigtausende Menschen in der Landwirtschaft in Ostdeutschland ihren Job. Leo Thiel ging mit 60 Jahren in den Vorruhestand. Heute lebt er noch immer in der Gemeinde Hornstorf, wo er nach allem, was er verloren hatte, ein neues Zuhause und Glück fand.