Die Halbinsel Wustrow zwischen Ostsee und Salzhaff ist eine verlassene Siedlung mit Kasernen, Villen und Kino. Seit 2026 ist der Zugang komplett gesperrt. Die einst verbotene Stadt zerfällt hinter Stacheldraht und Zaun.
Eine verbotene Stadt im Norden
Wustrow liegt nur wenige Schritte von einem der beliebtesten Küstenorte Mecklenburg-Vorpommerns entfernt und wirkt doch wie ein abgetrennter Teil der Landkarte. Zwischen offener Ostsee und Salzhaff zieht sich die rund zehn Quadratkilometer große Halbinsel in die Mecklenburger Bucht, verbunden mit dem Festland nur durch den schmalen Wustrower Hals. Wer vom Strand hinüberschaut, sieht Bäume, Dächer, Ruinen und viel Stille.
Diese Stille täuscht. Hinter dem Zaun liegt keine einzelne verlassene Kaserne, sondern eine komplette Siedlung mit Straßen, Wohnhäusern, früheren Zweckbauten, Resten militärischer Anlagen und Gebäuden, die einmal zum Alltag gehörten. Kino, Schule, Unterkünfte, Werkstätten, Lagerhallen: Wustrow ist kein klassischer Lost Place, sondern eine ganze verbotene Stadt, die seit Jahrzehnten verfällt.
Vom Gut zur militärischen Musterstadt
Der Name Wustrow geht auf das slawische Wort für „Insel“ zurück. Das passt besser, als es auf den ersten Blick scheint. Ursprünglich war Wustrow tatsächlich eine Insel. Erst durch die Bildung einer Nehrung wurde daraus eine Halbinsel. Diese schmale Verbindung blieb empfindlich: Die Sturmhochwasser von 1872 und 1874 rissen den Wustrower Hals auf, trugen Dünen ab und veränderten die Küstenlinie erheblich.
Weil ein dauerhafter Durchbruch das Salzhaff und die Orte dahinter gefährdet hätte, wurden noch im 19. Jahrhundert Windfangzäune, ein Deich und eine Straße angelegt. So entstand die Verbindung, die bis heute alles entscheidet: Zugang, Streit, Verkehrsfragen, Sperrung. Wustrow hängt an einem Nadelöhr.
Eine Gartenstadt für die Flakschule
Die Geschichte der Halbinsel beginnt nicht erst mit Militär und Stacheldraht. 1273 wird Wustrow erstmals im Stadtbuch von Wismar erwähnt. Über Jahrhunderte war das Land ein Gut, bewirtschaftet von wechselnden Besitzerfamilien. Moltke, Oertzen, Winterfeld, Plessen: Namen des mecklenburgischen Adels ziehen sich durch die frühe Geschichte. 1514 erhielt Mathias von Oertzen das Recht, am Wustrower Hals eine Windmühle zu bauen.
1932 verkaufte die Familie von Plessen das Gut an die Reichswehr. 1933 begann der Aufbau der Flakartillerieschule FAS I, auch „Rerik-West“ genannt. Sie galt als größte Ausbildungsstätte dieser Art in Deutschland. Innerhalb weniger Jahre entstand aus dem ehemaligen Gut ein militärischer Standort mit Kasernen, Fahrzeughallen, Schießanlagen, Flugplatz, Häfen und einer Wohnsiedlung.
Für Offiziere, Zivilbeschäftigte und Familien wurden Häuser nach Plänen des Architekten Heinrich Tessenow errichtet. Diese Gartenstadt war für die 1930er-Jahre modern: helle Wohnungen, Balkone, fließendes Wasser, teils Zentralheizung, dazu Kino, Kegelbahn und ein Hallenbad, das als eines der modernsten Deutschlands galt. Heute macht dieser Gegensatz einen Teil des Reizes des Lost Place aus: Die Ruinen stammen nicht nur aus militärischer Zweckarchitektur, sondern aus einem durchgeplanten Wohnort.
Als die Rote Armee übernahm
Nach Kriegsende nutzten zunächst Neubauern Teile der Halbinsel. Doch 1949 war damit Schluss. Wustrow wurde sowjetische Garnison, die verbliebenen deutschen Zivilisten mussten gehen. Für die Bevölkerung der Umgebung begann eine Zeit, in der die Halbinsel zwar sichtbar blieb, aber aus dem normalen Leben verschwand.
Eine Mauer und Stacheldraht trennten Wustrow von Rerik. Die Sperren reichten an beiden Seiten bis in die Ostsee und ins Salzhaff. Später wurde die Mauer zurückverlegt, doch das Prinzip blieb: Wer nicht berechtigt war, kam nicht hinein. Für Einheimische war Wustrow eine verbotene Zone direkt vor der Haustür.
Auf der Halbinsel lebten zeitweise schätzungsweise bis zu 3000 sowjetische Soldaten und Familienangehörige. Andere Berichte nennen für einzelne Phasen sogar noch höhere Zahlen. Es entstand erneut ein eigener Kosmos mit Schlafbaracken, Küchen, Bäckerei, Speisesaal, Fleischlager, Kartoffelbunker, Kindergarten, Schule und Kino. Das frühere Postgebäude wurde dafür um einen großen Saal erweitert.
Raketen, Radare und falsche Flugzeuge
Militärisch blieb Wustrow wichtig. Geschossen wurde auf Boden-, See- und Luftziele. Flugzeuge schleppten Luftsäcke über den Horizont, auf die von der Halbinsel aus gefeuert wurde. Seeziele wurden hinausgezogen, Panzer übten auf Strecken an der Haffseite. Zeitweise war das Seegebiet vor Wustrow bei Schießübungen weiträumig gesperrt.
Später kamen Radar- und Funkanlagen, Nachrichtentruppen und Einheiten der Baltischen Rotbannerflotte hinzu. Ein sogenannter Tower wurde um 1950 errichtet, diente aber nicht der Flugüberwachung, sondern als Feuerleitzentrale. Um Gegner über die tatsächliche Nutzung zu täuschen, standen auf dem ehemaligen Flugplatz mehr als 20 Flugzeugattrappen. Wustrow war damit nicht nur Schießplatz, sondern auch ein Ort der Tarnung und Aufklärung.
Die Natur übernimmt die Siedlung
Nach dem Zerfall des Ostblocks lockerte sich die Abschottung. Im September 1992 fand die letzte große Schießübung statt. 1993 wurden die letzten Soldaten offiziell verabschiedet, 1994 war der Standort endgültig geräumt. Zurück blieben Gebäude, Müll, Altlasten, Munitionsreste und ein Ort, der plötzlich keinen Zweck mehr hatte.
Seitdem arbeitet die Natur gründlich und ungestört. Bäume wachsen in Straßenachsen, Büsche verdecken Hausfronten, Dächer brechen ein, Treppen enden im Gestrüpp. Die frühere Wohnsiedlung Rerik-West ist heute ein Wald aus Erinnerung und Verfall. Gerade weil dort einst Familien lebten, Kinder zur Schule gingen und Filme gezeigt wurden, wirken die Ruinen so eindringlich.
Investorenpläne, Streit und Stillstand
1998 wurde die Halbinsel an die Fundus-Gruppe des Immobilienunternehmers Anno August Jagdfeld verkauft. Geplant waren zeitweise eine Marina, ein Golfplatz, ein Reiterhof, ein Hotel, Ferienwohnungen und Eigentumswohnungen. Die Stadt Rerik stemmte sich gegen die Pläne, vor allem wegen der befürchteten Verkehrsbelastung auf dem schmalen Wustrower Hals und in den Straßen des Ortes.
2004 sperrte der Eigentümer den Zugang weitgehend. Später waren unter Auflagen wieder Führungen und Planwagenfahrten möglich, zuletzt wurde über Zugang, Kosten und künftige Nutzung erneut gestritten. Die ursprünglichen Großpläne gelten inzwischen als überholt. In der Debatte stehen heute eher behutsamere Wohnkonzepte, Naturschutzideen, Rückkauf-Forderungen und zeitweise auch Überlegungen zu Windenergie.
Filmsets, Führungen und offene Fragen
Wustrow blieb trotzdem nicht völlig unsichtbar. 2019 drehte der NDR dort für den Rostocker „Polizeiruf 110“. 2022 nutzte Christian Petzold die verlassene Halbinsel als Drehort für „Roter Himmel“. Für Filmteams ist der Ort naheliegend: eine echte Geisterstadt an der Ostsee, ohne Kulissenbau, mit bröckelndem Putz, überwachsenen Wegen und einer Geschichte, die jedes Bild beschwert.
Der südwestliche Teil der Halbinsel ist Naturschutzgebiet. Mit angrenzenden Wasserflächen umfasst es rund 1940 Hektar. Die Küstenlandschaft gehört zum EU-Vogelschutzgebiet „Küstenlandschaft Wismar-Bucht“, große Röhrichtflächen am Salzhaff gelten als Feuchtgebiete von nationaler Bedeutung. Fast 90 Brutvogelarten, Libellen, Füchse, Dachse, Mufflons und seltene Pflanzen haben in der Abgeschiedenheit Raum gefunden. Für Besucherverkehr ist die Halbinsel seit 2026 wieder komplett gesperrt. Auch Führungen und Kutschfahrten wie in der jüngeren Vergangenheit finden nicht mehr statt.
Ein Ort bleibt in der Schwebe
Wustrow ist historisches Gelände, privates Eigentum, Altlastenfläche, Naturraum und Projektionsfläche zugleich. Darin liegt der Konflikt. Die einen sehen eine Chance für behutsame Entwicklung, andere wollen die Halbinsel als Naturpark sichern. Wieder andere betrachten die Ruinen als Mahnung an die Militärgeschichte des 20. Jahrhunderts.
Am Ende bleibt Wustrow einer der ungewöhnlichsten Orte in Mecklenburg-Vorpommern: eine ganze Siedlung, die aus der Zeit gefallen ist. Nicht weit entfernt sitzen Menschen in Strandkörben, essen Fischbrötchen und schauen aufs Wasser. Hinter dem Zaun stehen Häuser, in denen einmal Licht brannte. Heute wachsen Bäume durch Vorgärten, und der Wind vom Salzhaff zieht durch leere Fensteröffnungen.