Nach vierwöchiger Pause ist am Landgericht Rostock der Mordprozess im Fall Fabian fortgesetzt worden. Am 20. Verhandlungstag schilderte die jüngere Schwester der Angeklagten ein kritisches Bild von Gina H. Obwohl sie als Verwandte das Recht hätte, die Aussage zu verweigern, stellte sie sich am Donnerstag den Fragen des Gerichts. Die beiden Frauen hatten in den vergangenen Jahren kaum Kontakt.
Kritische Aussage der Schwester
Gina H. könne zwar liebevoll sein, sei aber – so die Schwester – schnell aufbrausend und beleidigend. Sie habe schon als Kind immer wieder zum eigenen Vorteil gelogen, „um an erster Stelle zu stehen“. Als die Schwester erzählte, Gina H. habe schon früh versucht, ohne Arbeit durchs Leben zu kommen, fuhr die Angeklagte sie an: „Hast Du einen Dachschaden?!“ Der Vorsitzende Richter unterband weitere Gefühlsausbrüche.
Gina H. erhält wegen einer diagnostizierten psychischen Erkrankung seit mehreren Jahren eine hundertprozentige Erwerbsminderungsrente. Die Schwester deutete an, dass sie an der Ernsthaftigkeit dieser Erkrankung Zweifel hegt.
Kindheit und Familienverhältnisse
Die Schwester berichtete auch über die Kindheit der beiden Mädchen. Als sie in der Grundschule waren, erkrankte ihre alleinerziehende Mutter. Die Großeltern in Reimershagen (Kreis Rostock) nahmen die Kinder in Obhut. Aus der Übergangslösung wurde ein dauerhafter Aufenthalt. Mit der Zeit habe die Großmutter, von der sich die Schwester benachteiligt sah, den Kontakt zur Mutter unterbunden und behauptet, diese wolle die Kinder nicht zurück haben. Das aber sei nicht der Fall gewesen, wie sie später herausgefunden habe. Ihre Kindheit sei auf einer Lüge aufgebaut gewesen – was Gina H. aber nicht wahr haben wolle. Während der Aussage schüttelte Gina H. häufig den Kopf oder fasste sich demonstrativ an die Stirn.
Kommunikationsanalyse des BKA
Zudem erläuterte ein Experte des Bundeskriminalamts (BKA) der 3. Strafkammer eine Kommunikations-Analyse, die Fallanalytiker aus zahlreichen Sprach- und Textnachrichten der Angeklagten erarbeitet haben. Die Experten schlossen daraus, dass die 30-Jährige egozentrisch und wenig empathisch für Belange anderer Menschen sei. Sie habe ein ausgeprägtes Bedürfnis nach Aufmerksamkeit und Bestätigung, vor allem von männlichen Kommunikationspartnern. In Nachrichten an ihren damaligen Freund, den Vater des getöteten Fabian, wirke sie oft wehleidig oder genervt. Viele Nachrichten ließen sie zudem eifer- und kontrollsüchtig erscheinen.
Dieses Verhalten habe sich grundsätzlich nicht geändert, nachdem Fabian am 10. Oktober vergangenen Jahres verschwunden war und auch Fabians Vater nach ihm suchte. Fabians Vater hatte sich zwei Monate zuvor von Gina H. getrennt, stand aber fast täglich in Kontakt mit ihr. Die Analytiker fielen einige Besonderheiten auf: Gina H. zeigte wenig Verständnis für die Situation von Fabians Vater und verharmloste das Verschwinden des Kindes, indem sie gegenüber einem Bekannten meinte, Fabian werde schon seine Gründe haben, weg zu sein. In einer Nachricht bemerkte sie, es sei für Fabians Vater bestimmt gut, gegebenenfalls „abschließen“ zu können – zu einem Zeitpunkt, als der Junge lediglich als vermisst galt.
Weitere Untersuchung angeordnet
Das Gericht ordnete eine weitere Untersuchung eines Messers an, das bei einem mit Gina H. befreundeten Nachbarn sichergestellt wurde. Die erste Untersuchung hatte keine Spuren von Gina H. oder Fabian ergeben. Am Freitag wird der Prozess mit der Anhörung von Zeugen aus dem familiären und sozialen Umfeld der Angeklagten fortgesetzt. Gina H. will sich am darauffolgenden Verhandlungstag zu einigen Details äußern, wie einer ihrer Verteidiger mitteilte.
Die Staatsanwaltschaft wirft Gina H. heimtückischen Mord vor. Laut Anklage hat sie den achtjährigen Fabian am 10. Oktober 2025 aus der Wohnung seiner Mutter in Güstrow gelockt, ihn bei Klein Upahl (Landkreis Rostock) erstochen und die Leiche angezündet. Die Ermittler vermuten, dass Gina H. glaubte, Fabian stünde ihr bei ihrem Versuch im Wege, Fabians Vater wieder für sich zu gewinnen.