dokumentArt geht erstmals hinter Gitter: Festival in der JVA Neustrelitz
dokumentArt geht erstmals hinter Gitter

Erstmals in diesem Jahr zeigt das Neubrandenburger Filmfestival dokumentArt ausgewählte Kurzfilme in der Justizvollzugsanstalt (JVA) Neustrelitz. Das kündigte Festival-Sprecher Ingmar Nehls an. Das Pilotprojekt könnte der Auftakt einer dauerhaften Zusammenarbeit sein.

Jugendliche Inhaftierte als Jury

Jugendliche, die dort eine Haftstrafe verbüßen, sollen als Jury ihren Favoriten küren. Der Preis wird von den Jugendlichen selbst gestaltet und in der Holzwerkstatt der JVA angefertigt. Zudem wird eine Gruppe aus dem offenen Vollzug das Jugendprogramm der dokumentArt im Neubrandenburger Festivalkino besuchen.

JVA-Leiterin Andrea Hanke sieht das Projekt als „herausragende Plattform“, um Inhaftierten den Weg zu einer erfolgreichen Resozialisierung zu ebnen. Teil eines renommierten Festivals zu sein, stärke Selbstbewusstsein und Eigenverantwortung. Die Auseinandersetzung mit anspruchsvollen Filmen fördere „Kompetenzen, die für ein straffreies Leben nach der Haftentlassung unerlässlich sind: Perspektivwechsel, Empathie, Kritikfähigkeit und die Fähigkeit zum konstruktiven Dialog“, so Hanke. „Kulturprojekte dieser Art sind keine Privilegien, sondern wirksame Instrumente der Reintegration.“

Neue Perspektiven für den Kulturbetrieb

Den Impuls zum neuen Format verdanken Festival und JVA dem ukrainischen Dokumentarfilmer Maksym Melnyk, der in der Programmkommission der dokumentArt mitwirkt und auf das Vorbild des Lessinia Film Festivals in Italien verweist. „Filme erzählen Geschichten und bringen Menschen miteinander ins Gespräch“, sagt er. Gerade Menschen, deren Stimmen im Kulturbetrieb selten gehört würden, könnten neue Perspektiven einbringen.

Anna Bartholdy, ebenfalls Mitglied der Programmkommission und Begleiterin des Kooperationsprojekts, betont: Viele der jungen Leute in der Haftanstalt seien „schon lange vor ihrer Straftat durch unterschiedliche Hilfesysteme gefallen“. Wegen dieser Brüche sollten sie nicht ausgeschlossen werden. „Sie sind Teil unserer Gesellschaft, und sie verdienen die Chance, sich mit Geschichten auseinanderzusetzen, die Mut machen, Fragen stellen und neue Blickwinkel eröffnen.“

Einladung zum Mitgestalten

Die Kooperation sei für die Festival-Macher auch ein weiterer Schritt, neue Zielgruppen zu erreichen. Die dokumentArt wolle „Menschen aus der Region nicht nur als Besucher einladen, sondern ihnen die Möglichkeit geben, das Festival aktiv mitzugestalten“.

Das Europäische Filmfestival dokumentArt findet vom 6. bis 11. Oktober in Neubrandenburg statt. Auf dem Programm stehen 70 Filme, ausgewählt unter rund 1000 Einreichungen aus mehr als 20 Ländern. 50 Beiträge laufen im internationalen Wettbewerb, weitere in programmatischen Reihen wie „Bridging Europe“, „you:dok“, Entdeckerkino und „Nah, näher, MeckPomm“. Zur Eröffnung wird am 6. Oktober der preisgekrönte französische Naturfilm „Das Flüstern der Wälder“ gezeigt.