Michael Engemann aus Evchensruh bei Massow nahe der A19 hält mit seiner Reetdachdeckerei ein uraltes Handwerk hoch, das immer weniger beherrschen. Seit bald 20 Jahren leitet er den Betrieb, den schon sein Vater führte. Im nächsten Jahr kann er auf 20 Jahre Selbständigkeit zurückblicken.
Ein Handwerk mit Seltenheitswert
Laut Reetdachdecker-Innung bieten in Mecklenburg-Vorpommern nur noch rund 20 freiwillig organisierte Mitgliedsbetriebe dieses Handwerk an. Sein Vater, Obermeister Konrad Engemann, habe ihm den Weg zu diesem Nischen-Beruf bereitet. Heute kennt man den Sohn und seine zwei Mitarbeiter in der Region, aber auch darüber hinaus in der Republik – in Bayern, auf Usedom, auf Rügen.
Die sogenannte Dachpflege übernehme er etwa in Klink, in Vipperow, in Sietow-Dorf und in Alt Rehse. Aber auch ganz neue Dächer entstünden unter seiner Regie. „Bootsschuppen sind auch unser Thema, und davon gibt es ja viele hier. Doch nicht jeder entscheidet sich für eine Reparatur. Aus Kostengründen kommt immer mal wieder auch ein Blechdach rauf“, bedauert Engemann. Er verstehe aber auch die wirtschaftliche Lage.
Vom Lehrling zum Meister
Der gebürtige Pritzwalker entschied sich 2007 für die Selbständigkeit. In den 1990ern habe es besonders viele Neudeckungen gegeben, inzwischen seien die Aufträge in der Müritzregion weniger geworden. Er vereint in seinem Beruf Schilfdachdecker- und Zimmermannskönnen, den Meister setzte er obendrauf. Er kennt die Region, seit er Mitte der 1980er Jahre hier aufwuchs, in Wredenhagen zur Schule ging und dort bei der Tischlerei Brüsehafer die Lehre absolvierte.
Von April bis Oktober ist die hohe Zeit der Männer und durchaus auch Frauen auf den Dächern, wenn die Strohbunde Lücken schließen oder neue Dächer mit dem frischen hellen Rohr in den Winter geschickt werden. Mit Energie werfen die Reetdachdecker die Bunde aufs Dach, öffnen sie, binden sie mit Nadeln an die Dachlatten. Mit dem Klopf- oder Treibbrett wird das Reet hochgeklopft, in die Bindung getrieben und die Dachneigung bestimmt. Manche nutzten auch neuere Technik. Mit Schilf zu decken, das sei kein eigener Ausbildungsberuf, sondern eine Spezialisierung innerhalb der klassischen Dachdeckerausbildung. „Und eine Kunst“, wie Engemann sagt.
Voraussetzungen und Veränderungen
Wer mit dem Schilfrohr arbeiten möchte, müsse ein paar Voraussetzungen mitbringen. „Man braucht viel Gefühl und ein gutes Auge, damit das Reet sauber liegt. Jedes Dach ist anders, jedes Reetbund ist anders – dafür braucht es Erfahrung und ein gutes Gespür“, weiß Engemann. Auch stabile Knie und Knochen, Schwindelfreiheit sowieso und Geduld seien wichtig.
Einst war es ein „Arme-Leute-Dach“, die Menschen hätten sich selbst einheimisches Stroh dafür geschnitten. Das Rohr selbst schneiden, das steht laut Engemann für die wenigsten seiner Zunft noch an. „Das rechnet sich nicht, denn das ist aufwendig.“ Heute kaufe man getrocknete Schilfhalme aus Ungarn, Rumänien, Österreich, der Türkei, der Ukraine und Polen. Auch Engemann bezieht seinen sensiblen Naturbaustoff aus einigen dieser Länder. In Deutschland werde meist nur noch auf den Inseln Reet angebaut, das man aber für den Eigenbedarf behielte.
Tradition und Zukunft
Reethausbesitzer schätzten das Wohnklima, die warme harmonische Ausstrahlung der Häuser und würden sich oft auch aus ökologischen Gründen für diesen nachwachsenden Rohstoff entscheiden. Trotz Kosten und erhöhter Brandgefahr mit den damit entsprechenden Versicherungsprämien würden diese Hausbesitzer die Vorteile einer Reeteindeckung schätzen.
Wie lange er das noch mache, wisse er nicht, sagt Engemann. Sein Sohn habe bereits signalisiert, dass er nicht zur folgenden Reetdachdeckergeneration gehören wolle. „Es ist ja kein leichter und ungefährlicher Job.“ Ein Sturz vom Dach vor einigen Jahren habe auch ihm gezeigt, wie fragil die Gesundheit bei dieser Arbeit ist. Nur haarscharf sei Engemann seinerzeit dem Rollstuhl entgangen.
Doch die Leidenschaft, diesen Betrieb auch im Andenken an seinen Vater, der seinerzeit etwa dem „Seglerheim“ in Röbel beim Neubau mit dem passenden Reetdach den unverkennbaren Charme gegeben habe, lebendig zu halten, die trage ihn. Gleichwohl ist Michael Engemann nicht mehr so oft mit den Strohbunden auf den Dächern anzutreffen. Es gebe genug zu tun, zielt er auch auf die Bürokratie in deutschen Landen.
Und noch eines habe ihn wieder sprichwörtlich mehr Boden unter den Füßen haben lassen: die Erika. Denn seit einiger Zeit rückt der Müritzer immer mal wieder wegen ihr in Gefilde aus, wo das Heidekraut Heimat hat. An Küsten und auf Inseln und in Niedersachsen setzt er seine Spezialmaschine ein und bringt einen Teil der Ernte mit. Diese wird dann Handschrift der Engemann-Häuser, wenn sie die Firste ziert.
Überhaupt sei so ein Reetdach nicht nur für Menschen gut und schön, sondern auch für Tiere. Spinnen schlüpften da besonders gern mit unters Dach. Vor allem bei Regen, der an diesem Tag aber ausbleibt, wie Engemanns abschließender Befund mit Blick in die schildernde Wolkenwelt lautet.