Nur 25 von 6500 Haikuttern übrig: Traditionssegler kämpfen ums Überleben
Nur 25 von 6500 Haikuttern: Traditionssegler kämpfen ums Überleben

Bei der traditionellen Haikutter-Regatta im Rahmen der 35. Hanse Sail in Rostock erlitt der historische Haikutter „Hansine“ eine Leckage. Der Wassereinbruch am 5. August konnte glimpflich behoben werden, doch der Vorfall verdeutlicht die existenzielle Bedrohung der maritimen Denkmalpflege. Der Eigner-Verein des Kutter kämpft mit steigenden Kosten, Bürokratie und Nachwuchssorgen.

Leckage als Symptom einer Krise

Die Crew reagierte sofort: Sie stellte die Sicherheit von Gästen und Mannschaft an oberste Stelle, sicherte das Schiff und organisierte teure Spezialtaucher, die den Haikutter noch im Rostocker Hafen reparierten. „Die Abdichtung des Holzrumpfes unter Wasser kann nicht jeder“, erklärte Markus Köhler, erster Vorsitzender des Eigner-Vereins der „Hansine“. Neben den Kosten, die für einen Verein schwer zu stemmen seien, gehe es um Spezialwissen, das mit der Zeit verloren zu gehen drohe.

Einzigartiges Kulturgut in Gefahr

Die „Hansine“ ist einer der ältesten und zugleich der größte noch verbliebene Haikutter mit einer einzigartigen Heckform. Ursprünglich wurde sie in Dänemark für die Fischerei gebaut. „Vor knapp 100 Jahren gab es mehr als 6500 dieser Schiffe“, so Köhler. „Heute existieren vielleicht noch 25.“ Dass dieses Stück maritimes Kulturgut überhaupt noch segele, grenze an ein Wunder, meinte der ehrenamtliche Schiffsführer.

Finanzielle und bürokratische Hürden

Der Verein hatte die „Hansine“ 2003 für 50 Cent bei einer Online-Auktion ersteigert. Das Schiff war komplett geplündert, undicht und in desolatem Zustand. Viereinhalb Jahre ehrenamtlicher Arbeit vergingen, bis der Kutter erstmals auslaufen konnte. Ein Neubau in dieser Größe würde heute zwischen zwei und drei Millionen Euro kosten, schätzte Köhler. „Rechnet man alles zusammen, wäre das trotzdem noch günstiger, als die Denkmalpflege.“ Bei Projekten wie diesen sei es, als stünde man unter einer „kalten Dusche und zerreißt einfach nur Hundert-Euro-Scheine“.

Ein weiteres Problem: Die Ausrüstungspflichten, gesetzt durch die Berufsgenossenschaft Verkehr, entsprächen in vielen Bereichen der gewerblichen Berufsschifffahrt. „Wir stehen hier aber auf 120 Jahre altem Holz“, erklärte Köhler. „Genormt ist hier nichts.“ Da kämen viele Schiffe schon rein platztechnisch und logistisch an ihre Grenzen. Auch Werftplätze werden immer seltener, denn normale Werften winken ab: „Stahl und Aluminium ja, Holz nein.“

Nachwuchs und Fördermittel

Als gemeinnützige Vereine dürfen die Gemeinschaften keine nennenswerten Gewinne erwirtschaften oder Rücklagen bilden. Für die jährlichen Betriebs- und Wartungskosten im mittleren fünfstelligen Bereich reiche das Saisongeschäft zwar im Regelfall aus. „Aber da ist eben noch nichts passiert, noch keine Investition getätigt und kein Cent für eine Reparatur, die im Zweifel auch mal sechsstellig wird und höher, beiseitegelegt“, so Köhler.

Zuletzt wurden 10 Millionen Euro Förderung vom Bund für die Traditionsschifffahrt ermöglicht. „Das ist ein Anfang“, meinte Köhler. Der „Hansine“-Verein wirbt mit eigener Website, Social-Media-Kanälen und einem eigenen „Haikutter-Podcast“ um Nachwuchs. Das Engagement zahle sich bereits aus: „Wir haben viele interessierte Mitglieder“, sagte Köhler. „Auch junge Leute und meist welche, die mit uns mal mitgefahren sind.“ Von Landratte bis erfahrenem Skipper sei alles dabei. „Also man merkt: Tot ist die Traditionsschifffahrt sicherlich nicht.“