20 Jahre nach EM-Triumph: Ulrike Maisch über ihren perfekten Marathon
20 Jahre nach EM-Triumph: Ulrike Maisch über ihren perfekten Marathon

Heute vor 20 Jahren hat Ulrike Maisch Sportgeschichte geschrieben. Nach einer grandiosen Aufholjagd hat sich die Athletin des 1. LAV Rostock am 12. August 2006 in Göteborg zur Europameisterin im Marathon gekrönt.

„Rückblickend betrachtet war das mein perfekter Lauf“, sagt die 49-Jährige, die kürzlich auf Heimatbesuch in Rostock war. Dass sie dabei die 2:30-Stunden-Marke knapp verfehlte, sei nur noch eine Randnotiz: „Ich würde den Titel für nichts eintauschen, für keine 2:28 oder 2:29. Der erste Platz hat mir schon einige Türen geöffnet. Ich war 2006 Leichtathletin des Jahres und landete bei der Sportlerwahl auf Platz sechs. Im Jahr von Olympischen Winterspielen hat man gegen die Biathleten oder so keine Chance.“

Start in Göteborg: Bestzeit statt Medaille im Kopf

Als die damals 29-Jährige in Göteborg an der Startlinie steht, scheinen der Titel oder sogar die Medaillen außer Reichweite zu sein. „Ich wusste, dass ich in guter Form war und wollte eine Bestzeit laufen. Über eine Medaille hatte ich offen gesagt überhaupt nicht nachgedacht“, so die gebürtige Stralsunderin.

Gleich zu Beginn des Rennens war sie genervt. „Wir sind noch zwei Runden im Stadion gelaufen. Doch die waren so langsam, dass ich gedacht habe, dass es noch nicht einmal mit einer neuen Bestzeit klappen wird. Das hatte mich schon geärgert. Wir sind die erste Hälfte in 1:17 Stunden gelaufen, die zweite war mit 1:13 Stunden dann schneller“, erinnert sich Ulrike Maisch.

Die Aufholjagd: Von Kilometer 25 bis ins Stadion

Ab etwa Kilometer 25 drückte die Konkurrenz aufs Tempo, musste die Rostockerin abreißen lassen: „Irgendeine hat angezogen, doch mir war das Tempo zu schnell. Ich bin in meinem Rhythmus geblieben. Am Ende stellte sich heraus, dass es für die anderen auch zu schnell war. Ich habe eine Kontrahentin nach der anderen wieder überholt, obwohl ich nicht schneller geworden bin. Bei Kilometer 40 war ich vorn und davon überzeugt, dass ich das Ding nach Hause bringe. Das war schon irre.“

Mit einem relativ komfortablen Vorsprung lief sie ins Stadion ein und war ein wenig überwältigt vom Aufschrei der Zuschauer. „Die Stimmung als ich in das Stadion eingelaufen bin, habe ich noch am meisten in Erinnerung. Das habe ich richtig genossen, weil auch keine andere zu sehen war. Meine Mutti und mein Bruder waren auch dort. Ich habe überhaupt nicht auf die Zeit geachtet. Am Ende stand dort 2:30,01 Stunden. Hätte ich das mitbekommen, hätte ich noch zwei, drei schnelle Schritte gemacht. Aber das ist nur eine Nebensache. Am Ende zählt die Goldmedaille“, sagt Ulrike Maisch, die mehr als 20 Marathons in ihrer Karriere bestritten hat.

Verletzungen und der Neuanfang auf Guernsey

Im Anschluss an ihren größten Erfolg plagten die leidenschaftliche Läuferin vermehrt Verletzungsprobleme. Sie verpasste die WM 2007, schaffte aber als Ersatzläuferin den Sprung zur WM 2009 in Berlin und kam nach der Absage von Irina Mikitenko kurzfristig zum Einsatz: „Ich wollte unbedingt in Berlin starten. Leider musste ich wegen Problemen mit der Ferse aufgeben. Irgendwie ist mir nach Göteborg kein richtig guter Marathon mehr gelungen. Wir haben alles probiert. Für eine Langstrecklerin bin ich wenig gelaufen, habe viel Aquajogging, Radfahren oder Skifahren gemacht.“

Auch ein Comebackversuch nach der Geburt ihres ersten Sohnes Emil (2011) blieb am Ende erfolglos. Mit der Geburt des zweiten Sohnes Paul (2013) rückte immer mehr die Familie in den Vordergrund. Gemeinsam mit ihrem Ehemann Richard Friedrich, ebenfalls ein ehemaliger Läufer, „wanderte“ sie 2015 aus und wurde auf der britischen Kanalinsel Guernsey heimisch.

„Richard war Fluglotse bei der Armee und seine Zeit dort war um. Er hat sich dann in der freien Wirtschaft umgeschaut und in Deutschland nichts gefunden, was ihm gefiel. Wir haben in ganz Europa geschaut und dabei sind Schweden und Guernsey übrig geblieben. Durch einen Zufall sind wir bei einer großen Wohnmobiltour durch Frankreich in Saint Malo gelandet. Von dort fahren Fähren nach Guernsey und wir haben es uns einfach angeschaut. Richard ist dann im Januar 2015 rübergegangen. Ich bin mit den Kindern im Sommer nachgekommen“, sagt Ulrike Maisch.

Sie hat den Schritt bis heute nicht bereut: „Wir sind jetzt elf Jahre hier. Ich finde es super schön. Es ist noch eine kleine Blase heile Welt. Wenn die Kinder einmal nach London oder dergleichen gehen, wird das für sie schon eine komplett andere Welt sein. Wir waren schnell integriert, was mit zwei kleinen Kindern auch relativ schnell geht. Man lernt andere Muttis kennen und trifft sich mit denen. Seit diesem Jahr haben wir neben dem deutschen auch den britischen Pass.“

Schwere Zeiten und die Hilfe der Gemeinschaft

Auch in ihrer schwersten Zeit fühlte sich Ulrike Maisch in Guernsey gut aufgehoben: „Mein Mann ist vor viereinhalb Jahren an Krebs verstorben.“ Während eines Besuchs bei den Schwiegereltern traten erste Symptome auf. „Richard kam quasi am ersten Tag ins Krankenhaus nach Passau. Er hatte eine aggressive Form der Leukämie, die in Guernsey nicht behandelt werden kann. Weil wir aber in Deutschland abgemeldet waren, ging er dann nach Southampton. Es war für uns alle sehr schwierig. Seine Eltern und seine Schwester waren bei uns. In dem halben Jahr bis zu seinem Tod war er nur zweimal für eine Woche zu Hause.“

Doch die Gemeinschaft hielt zusammen. „Freunde und Bekannte hatten sich überlegt, was sie tun könnten und versorgten uns die ersten fünf, sechs Wochen mit Essen. Sie stellten einen richtigen Terminplan auf. Zudem wurde ein Lauf nach ihm benannt, den er gewonnen hatte und der an unserem Haus vorbeigeht. Auch steht von seinen Kollegen eine Bank an der Küste, wo Richard oft angeln war. Uns wurde viel geholfen. Das war total süß. Unter den Umständen hatten wir viel Glück.“

Zudem durfte Ulrike Maisch mit den beiden Söhnen in Guernsey bleiben. „Das war auch nicht selbstverständlich. Richard hatte eine Arbeitserlaubnis und wir waren nur deswegen dort. Es waren erst sieben Jahre um, ab acht darf man bleiben. Aber es hat geklappt und ich bin froh, dass ich nicht irgendwo ganz neu hätte anfangen müssen. Zudem erhielten wir auch finanzielle Unterstützung.“

Die Söhne und die Zukunft

Die Söhne Emil (15) und Paul (13) treten in die Fußstapfen ihrer sportlichen Eltern. „Beide haben mit Fußball angefangen. Emil ist jetzt aber zur Leichtathletik gewechselt und bereits viermal englischer Meister in der U15 und U16 geworden. Über 800 Meter hat er seinen Titel verteidigt. Jetzt möchte er aber wieder Mehrkampf machen. Vielleicht geht er auf eine Sportschule mit Internat in England. Akademisch und sportlich ist er echt gut. Er bewirbt sich und dann gucken wir uns das mal an“, so Ulrike Maisch.

Beim jüngeren Bruder steht der Fußball im Vordergrund. Während des Besuchs in Rostock bei den Großeltern nahm er an einem Sommercamp des FC Hansa teil. „Zuvor waren wir drei Tage in Dortmund und haben uns dort alles angeschaut, was mit Fußball zu tun hatte. Er ist großer Fan vom BVB. Wir werden dann noch drei paar Tage in Brüssel verbringen und schauen zum Abschluss noch bei der Leichtathletik-EM in Birmingham vorbei, haben uns dafür extra noch drei große Deutschland-Hüte besorgt.“

Beim Besuch in Rostock hat Ulrike Maisch, die in diesem Jahr die 5000 Meter in 18:11 Minuten lief und für die doppelte Distanz etwa 38:30 Minuten benötigt, auch ein paar Läufe absolviert. „In Guernsey vermisse ich ein bisschen den Wald, muss dort viel auf der Straße laufen. Meine Mutti wohnt Lütten Klein. Dort finde ich es total schön. Mit dem Rad ist man in 15 Minuten in Warnemünde. Falls ich mal wieder in Deutschland lande, kann ich mir total vorstellen, dort zu wohnen.“

Bis es eventuell dazu kommt, dürften aber noch ein paar Jahre vergehen. „Das hängt auch immer davon ab, wohin es meine Jungs verschlägt“, so Ulrike Maisch, deren großer Erfolg von 2006 auch in Guernsey nicht lange unentdeckt blieb: „In unserer Anfangszeit wollten wir bei einem Marathon mitmachen, haben aber niemanden von unserer Vergangenheit erzählt. Doch irgendwie haben sie es herausbekommen und es stand dann ganz groß in der Zeitung.“

Wenngleich es kein großes Thema ist, erkennt man aber schon am Haus von Ulrike Maisch, dass sie einmal eine große Läuferin war. „In Guernsey haben Häuser keine Nummern, sondern Namen. Wir haben unser Haus umbenannt und es heißt jetzt Marathon“, so die Europameisterin von 2006, die als Assistenz-Lehrerin für Deutsch an einer privaten Schule tätig ist. Zudem betreut sie einmal in der Woche mit einem weiteren Coach eine Laufgruppe und bietet Massagen an. „Das Thema hat mich interessiert und ich bilde mich gerade online weiter.“