Gedenken an NS-Kindereuthanasie: Ausstellung in Schwerin zeigt Schicksale
Ausstellung erinnert an NS-Kindereuthanasie in Schwerin

Mehr als 5000 Kinder wurden in sogenannten „Kinderfachabteilungen“ ermordet. An sie erinnert seit dem 12. August die Ausstellung „Im Gedenken der Kinder“ in der Marienplatz-Galerie in Schwerin. Gezeigt werden konkrete Schicksale, etwa das von Günter Nevermann aus Wismar und der „Sonnenlandkinder“ aus der Lobetaleinrichtung bei Lübtheen.

Hintergrund der NS-„Kindereuthanasie“

Die Nationalsozialisten sprachen Menschen mit Behinderungen oder psychischen Erkrankungen das Lebensrecht ab. Ab 1939 wurden die Tötungen systematisch organisiert. Unter dem Begriff „Euthanasie“ wurden Menschen unter anderem durch Medikamente, Injektionen oder gezielte Mangelernährung getötet.

In Schwerin bestand seit August 1941 die Kinderfachabteilung auf dem Lewenberg unter Leitung des Psychiaters Alfred Leu. Die Historikerin Dr. Kathleen Haack von der Universitätsmedizin Rostock hat die Geschichte der Einrichtung aufgearbeitet. Nach ihren Angaben sind heute die Namen von rund 450 dort getöteten Kindern bekannt.

Das Schicksal von Günter Nevermann

Günter Nevermann wurde am 5. November 1933 in Wismar geboren. Wegen einer frühkindlichen Hirnschädigung hatte er Schwierigkeiten beim Sitzen und Stehen. 1942 wurde er wegen „Bildungsunfähigkeit“ aus der Schulpflicht entlassen. Seine Mutter brachte ihn am 22. September 1942 in die Heil- und Pflegeanstalt auf dem Lewenberg, holte ihn aber einen Tag später wieder ab. Die hohe Sterblichkeit in der Kinderfachabteilung hatte sich herumgesprochen.

Alfred Leu setzte die Familie unter Druck. Am 19. Oktober 1942 wurde Günter erneut auf den Lewenberg gebracht. Sein Vater, der an der Front war, bat vergeblich um eine andere Unterbringung. Gut einen Monat später war Günter Nevermann tot.

Die „Sonnenlandkinder“ und Erika Kuckuck

Im April 1941 wurde die Lobetaler Anstalt in Lübtheen aufgelöst. 54 Kinder aus dem Haus Sonnenland kamen zunächst auf den Lewenberg, später in die Kinderfachabteilung auf dem Sachsenberg. Bis Ende 1941 waren 47 der 54 Kinder tot, die übrigen sieben wurden bis 1943 ebenfalls getötet.

Ein weiteres Schicksal ist das von Erika Kuckuck. Sie wurde von ihren Eltern abgelehnt und früh in Einrichtungen untergebracht. In Krankenakten wurde sie als fleißig beschrieben, aber auch als unruhig und schwierig. Haack verwies darauf, dass einige Verhaltensweisen aus heutiger Sicht an ADHS erinnern könnten. Auch Erika wurde getötet.

Ausstellung bis 19. September

Die Ausstellung wurde von der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin konzipiert. Sie ist bis zum 19. September 2026 in der Marienplatz-Galerie Schwerin zu sehen. Geöffnet ist montags bis samstags von 10 bis 19 Uhr. Der Eintritt ist frei, die Ausstellung ist barrierefrei.