Mecklenburg-Vorpommern und Schleswig-Holstein wollen gemeinsam ein länderübergreifendes Telemedizinnetz aufbauen, um den Ärztemangel im ländlichen Raum zu lindern. Die Absichtserklärung zum Aufbau des Netzes Nord-Ost (TENNO) wurde von beiden Bundesländern zusammen mit den Krankenhausgesellschaften und den Universitätsklinika Schleswig-Holstein und Rostock unterzeichnet.
Vernetzung von Krankenhäusern und Praxen geplant
Telemedizin ist bereits im Versorgungsalltag etabliert: Niedergelassene Ärzte bieten Videosprechstunden an, Mediziner tauschen sich in Konsilen aus und bewerten gemeinsam digital übermittelte Befunde. Patienten können aus der Ferne überwacht werden, und Klinikärzte beraten niedergelassene Kollegen. Doch bisher sind es meist Insellösungen, die an der Landesgrenze enden.
TENNO soll zunächst die Krankenhäuser beider Länder digital verbinden und perspektivisch auch ambulante Versorgung, Rettungsdienst und weitere Gesundheitsbereiche einbeziehen. Erste konkrete Anwendungen sind laut MV-Gesundheitsministerin Stefanie Drese (SPD) in der Kinder- und Jugendmedizin sowie der Not- und Unfallversorgung geplant. Mediziner dieser Fachgebiete sollen standortunabhängig schnell zusätzliche Expertise hinzuziehen können.
Gemeinsamer digitaler Versorgungsraum statt paralleler Systeme
Das Netz soll allen Krankenhäusern offenstehen – unabhängig von Trägerschaft, Versorgungsstufe oder Standort. Perspektivisch sollen alle Standorte in beiden Bundesländern verbindlich einbezogen werden, so Drese. Ziel ist es, vorhandene telemedizinische Angebote zu bündeln und weiterzuentwickeln. Neue Insellösungen und parallele Einzelsysteme soll es künftig nicht mehr geben.
Schleswig-Holsteins Gesundheitsministerin Kerstin von der Decken (CDU) bekräftigt: „Wir wollen nicht zwei parallele Systeme aufbauen, sondern einen gemeinsamen digitalen Versorgungsraum im Norden schaffen. Wenn medizinische Expertise nicht überall unmittelbar vor Ort verfügbar sein kann, müssen wir sie digital dorthin bringen, wo sie gebraucht wird.“
Weniger Wartezeiten, mehr Expertise
In der gemeinsamen Absichtserklärung heißt es: „Durch die interprofessionelle telemedizinische Vernetzung zwischen den Leistungserbringern soll eine ortsunabhängige Versorgung geschaffen werden, die es einerseits ermöglicht, knapper werdende Ressourcen sinnvoll einzusetzen, und die andererseits die höchste medizinische Kompetenz zu den Patientinnen und Patienten bringt.“ TENNO könne Wartezeiten reduzieren, Versorgungslücken schließen und Ressourcen effektiver einsetzen. Auch für Krisenszenarien wie Naturkatastrophen oder Infektionslagen soll das Netz besser wappnen.
Uwe Borchmann, Geschäftsführer der Krankenhausgesellschaft MV, bezeichnet das Vorhaben als „Gamechanger für die stationäre Versorgung“. Weniger Fachärzte könnten mehr Patienten betreuen, und der Austausch zwischen Spezialisten könne schneller und sogar live unter Beteiligung des Patienten erfolgen. „Wir müssen TENNO daher schnellstmöglich an den Start bringen“, fordert Borchmann. Sein schleswig-holsteinisches Pendant Patrick Reimund verweist darauf, dass „neben der Expertise in der Universitätsmedizin auch auf Kompetenzen in Krankenhäusern anderer Versorgungsstufen zurückgegriffen werden“ soll.
Finanzierung über Transformationsfonds
Die Finanzierung ist noch nicht abschließend geklärt. Wie viel Geld für den Aufbau des Netzes erforderlich sein wird, können die Ministerinnen noch nicht beziffern. Sie wollen jedoch Mittel aus dem Krankenhaustransformationsfonds nutzen, der zur Umsetzung der Krankenhausreform aufgelegt und mit 50 Milliarden Euro ausgestattet wurde. Beide Länder wollen noch im Herbst einen Antrag beim Bundesamt für Soziale Sicherung stellen.