Virchowbund: Arzttermine könnten zum Luxusgut werden
Virchowbund: Arzttermine könnten zum Luxusgut werden

In Mecklenburg-Vorpommern schlagen niedergelassene Ärzte Alarm: Das zum Jahresbeginn 2027 in Kraft tretende GKV-Beitragsstabilisierungsgesetz werde bundesweit zu massiven Einschnitten führen, befürchtet der Virchow-Bund, die Interessenvereinigung der niedergelassenen Ärzte. Die ambulante Versorgung im Nordosten sei sogar akut gefährdet, betont Landesvorsitzende Angelika von Schütz.

Praxen drohen wirtschaftliche Verluste

Das Spargesetz enthält nicht nur Leistungskürzungen für Patienten, auch Leistungserbringer sollen zur Konsolidierung der Finanzen der gesetzlichen Krankenversicherung beitragen. So werden teilweise Budgetierungen wieder eingeführt: Behandeln Ärzte mehr als die vorgegebene Zahl an Patienten pro Quartal, gibt es für die Mehrarbeit nur noch anteilig oder gar kein Geld. Auch Vergütungsanreize für schnellere Terminvergabe – etwa für offene Sprechstunden oder Videokonsultationen – sowie die gesonderte Vergütung von Präventionsleistungen sollen entfallen.

Der Virchowbund rechnet mit durchschnittlichen Einbußen von jährlich 20.000 bis 30.000 Euro je Arzt, wobei verschiedene Fachrichtungen unterschiedlich betroffen sein werden. Genaueres lasse sich aber erst nach dem ersten Quartal 2027 sagen.

Nachfolger und Primärarztprinzip als zusätzliche Probleme

In einer Situation, in der es ohnehin schon schwer ist, für Praxen Nachfolger zu finden, könnte diese Unsicherheit fatale Folgen haben, befürchtet von Schütz. „Denn trotz aller ärztlichen Ethik: Auch eine Praxis ist ein Wirtschaftsunternehmen, ihr Betrieb muss sich rechnen.“ Das werde aber immer schwerer, wenn die Ausgaben kontinuierlich steigen – für Mitarbeiter, Geräte, Material, Energie –, die Einnahmen aber sinken. Erste Kollegen hätten bereits signalisiert, ihre Zulassung zurückzugeben und nur noch Privatpatienten zu behandeln oder sich beruflich neu zu orientieren. So könnten Arzttermine schnell zum Luxusgut werden.

Besonders problematisch werde es, wenn das Primärarztprinzip eingeführt wird, so die Landesvorsitzende. Jeder Patient müsste dann mit neuen gesundheitlichen Beschwerden zuerst den Primär- oder Hausarzt aufsuchen, der die weitere Behandlung koordiniert und bei Bedarf an einen Spezialisten überweist. Für Hausärzte, die bereits am Limit arbeiten, sei das eine große Belastung – aktuell sind 40 Hausarztsitze in MV unbesetzt, „die entsprechenden Patienten müssen anderswo mitbehandelt werden“. Auch für grundversorgende Fachärzte wie Gynäkologen, Augenärzte, Unfallchirurgen, Urologen oder Hals-Nasen-Ohrenärzte, die derzeit noch ohne Überweisung behandeln können, sieht von Schütz ein Problem: In ihren Wartezimmern könnten künftig deutlich weniger Patienten sitzen.

Forderungen an die künftige Landesregierung

Von der künftigen Landesregierung wünschen sich die Ärzte im Virchowbund einen engeren Austausch, um „tragfähige, realitätsbasierte und langfristige Reformkomplexe zu entwickeln“. Bislang hätten die niedergelassenen Ärzte den Eindruck, dass vor allem der Erhalt der Krankenhäuser auf der Agenda der Regierungsparteien steht. Zwar gebe es Bestrebungen, mehr Nachwuchsmediziner für eine Tätigkeit im Nordosten und vor allem auf dem Land zu begeistern. Der Virchowbund würde aber andere Schwerpunkte setzen: mehr Medizinstudienplätze in MV, eine Landeskinderquote bei der Studienplatzvergabe, praxisnähere Ausbildung im wörtlichen Sinne und finanzielle Unterstützung bei der Niederlassung.