Sabine H. lebt seit 1992 nicht mehr in Deutschland und betrachtet Mecklenburg-Vorpommern dennoch als ihre Heimat. Mit 22 Jahren reiste sie nach China und war zunächst schockiert über die fremde Kultur und die Arbeitsbedingungen. Heute arbeitet sie seit 30 Jahren für eine Firma in Hongkong, ist verheiratet und hat zwei erwachsene Kinder.
Vom Aufbruch in die Welt zur neuen Heimat
Sabine wuchs in Neubrandenburg auf. Nach der Grenzöffnung absolvierte sie eine Lehre zur Elektronikfacharbeiterin mit Abitur und studierte Medizintechnik-Elektronik an der TU Dresden. Ihren ersten Job bekam sie bei den Drägerwerken in Lübeck. Von dort sollte sie für zwei Jahre nach China gehen. „Die Grenzöffnung kam für uns alle sehr überraschend“, erinnert sie sich. Sie sagte sich: „Warum nicht?“
In China war sie zunächst schockiert: Ihr Englisch reichte kaum für eine Unterhaltung, und die neue Kultur forderte sie heraus. In der Fabrik nahe Macau arbeiteten 400 Menschen. „Da habe ich erst einmal einen Schreck bekommen; so viele Menschen in einer Fabrik in der Nähe von Macau (50 km von Hongkong entfernt) kannte ich bis dato nicht.“ Die Arbeiterinnen fertigten Bauteile von Hand. Ihre Aufgabe war es, das Projekt zu betreuen, inklusive Arbeiterunterkünfte und Verpflegung. „Es gab Dinge, die man als Deutsche auch gar nicht erwartet, beispielsweise die Ein-Kind-Ehe und welche Konsequenzen das hatte. Wenn eine Arbeiterin schwanger wurde, musste ich mich dafür entschuldigen, dass sie keine gute Familienplanung gemacht hatte.“
Fabrikalltag und Familienleben am Strand
Nach zwei Jahren wurde ihr der Posten der Factory-Managerin für weitere vier Jahre angeboten. Sie sagte zu, obwohl sie eigentlich zurück nach Deutschland wollte. Doch eine Begegnung mit einem ehemaligen Kollegen änderte alles: Er suchte dringend jemanden für seine Firma in Hongkong. „Ich konnte nicht nein sagen. Damals half ich ihm aus der Patsche, und nun arbeite ich seit 30 Jahren bei der Firma M-TECH in Hongkong.“ Dort lernte sie auch ihren Mann kennen, einen Neuseeländer. Die Kinder Max und Katharina kamen 2003 und 2004 in Hongkong zur Welt.
Die Familie lebt nicht im Trubel der Stadt, sondern in einem Dorf – fünf Minuten vom Strand entfernt, nahe am Countrypark. „Touristen sehen meistens nur die Stadt mit den 1.000 Wolkenkratzern und siebeneinhalb Millionen Menschen. Wir wohnen aber außerhalb, in einem Dorf – fünf Minuten vom Strand entfernt, ganz nah am Countrypark.“ Das Haus ist klein und einfach, mit Flachdach. „Ja, man kann hier in Hongkong gut leben. Ich freue mich darüber, dass es noch ein bisschen Jahreszeiten gibt, also dass man ein wenig Winter hat. Zwar fällt kein Schnee, aber manchmal wird es drei, vier Grad kalt.“ Die Familie betreibt viel Wassersport, darunter Windsurfen, Kajakfahren und Stand-up-Paddling.
Arbeit und Freizeit in Hongkong
Sabine arbeitet weiterhin für M-TECH, das Fabriken in China und Thailand betreibt, mit 200 Mitarbeitern. „Ich reise sehr viel. Und ich bin nicht nur Ingenieurin, sondern auch Lehrerin.“ Sie zeigt den Mitarbeitern, was es bedeutet, für eine deutsche Firma zu arbeiten. Die Arbeitsbedingungen unterscheiden sich von Deutschland: „Man bekommt hier sehr wenig Urlaub. Als junger Ingenieur startet man mit zehn Tagen im Jahr. Ich habe zwar ein bisschen mehr Urlaub, aber niemals so viel wie in Deutschland.“ Sie arbeitet oft von 6 Uhr morgens bis 22 Uhr abends oder bleibt über Nacht in China. „Man muss schon ziemlich viel arbeiten, aber dafür verdient man hier ganz gut. Der Staat erhebt sehr niedrige Steuern; maximal 15 Prozent zahlt man auf sein Gehalt.“
Ein Zurück nach Deutschland kommt für Sabine nicht mehr infrage. „Ich lebe schon zu lange im Ausland. Ich reise gern nach Deutschland, um Urlaub zu machen und meine Mutter zu sehen.“ Sie besucht regelmäßig Neubrandenburg, nimmt am Tollensesee-Lauf teil und ist auf dem See windsurfen gewesen. Ihre Kinder halten den Kontakt nach Deutschland: Sie verbrachten oft die Sommerferien bei den Großeltern, und ihre Tochter absolviert derzeit ein Auslandssemester in Kopenhagen. „Vielleicht werden die beiden eines Tages dort leben“, lacht Sabine. Falls die Familie Hongkong verlassen sollte, würde sie nach Neuseeland umsiedeln.