Zwei Schwesterschiffe aus Beton, 1943 in Swinemünde gebaut, haben gegensätzliche Schicksale: Die eine wurde restauriert und liegt nun im Rostocker Schifffahrtsmuseum, die andere ist ein namenloses Wrack in der Wismarer Bucht. Beide erinnern an ein kurioses Kapitel der Schiffbaugeschichte.
Ursprung der Betonschiffe
Die Idee, Schiffe aus Beton zu bauen, ist nicht neu. Bereits 1855 präsentierte der Franzose Joseph Louis Lambot auf der Weltausstellung in Paris ein Ruderboot aus Beton – eine kleine Sensation, die jedoch bald in Vergessenheit geriet. Erst Anfang des 20. Jahrhunderts wurde die Idee wieder aufgegriffen.
In der Wirtschaftskrise nach dem Ersten Weltkrieg warb der promovierte Diplomingenieur Wilhelm Teubert für den Betonschiffbau. In einem Beitrag für die Fachzeitschrift "Werft und Reederei" schrieb er im Januar 1921: "Dem Bau von stählernen Schiffen steht die große Eisenknappheit in Deutschland hindernd entgegen. Es wird daher in Betracht kommen, zum Betonschiffbau in der Binnenschifffahrt überzugehen." Er betonte den Kostenvorteil: Zement sei ausreichend vorhanden, der Bedarf an Eisen und qualifizierten Werftarbeitern gering. "Dazu kommt, daß die Bauzeit für Betonschiffe weit kürzer ist als für stählerne Schiffe."
Pleiten, Pech und Pannen
Trotz anfänglicher Begeisterung war die Betonschifffahrt bald von Misserfolgen geprägt. Im November 1920 lief in der Kieler Eisenbetonwerft AG der Dreimastschoner "Triton" vom Stapel – das erste deutsche Betonsegelschiff. Doch schon während der Ausrüstung sank der Motorsegler. Nachdem er gehoben und fertiggestellt worden war, musste die Crew ihn im September 1921 nach einem Wassereinbruch im Laderaum aufgeben.
Auch der von Wilhelm Teubert gebaute Schleppkahn "K V" erwies sich als Reinfall. Der 67 Meter lange Frachter, eines der größten in Deutschland gebauten Betonschiffe, transportierte Kohle über den Mittellandkanal. Im Winter 1921/22 schlugen Eisschollen Löcher in das Schiff, es sank.
"Man machte sich zu wenig Gedanken darüber, dass Schiffe keine ruhenden Bauwerke sind, sondern große, bewegte Massen darstellen", erklärte der Historiker Peter Danker-Carstensen in einem 2009 veröffentlichten Aufsatz zur Geschichte des Betonschiffbaus in Deutschland.
Nachteile keine Kinderkrankheit
Die Nachteile des Materials zeigten sich bald als grundlegend. "Damals gab es noch keine hochwertigen Zemente. Bei ihrer Verarbeitung zu dünnwandigen Konstruktionen erhielt man einen Beton, der nur sehr mäßige Eigenschaften aufwies", schrieb Danker-Carstensen, der von 1994 bis 2015 Leiter des Rostocker Schifffahrtsmuseums war. Auch Manövrierfähigkeit und Kosten enttäuschten, nicht zuletzt wegen des hohen Eigengewichts.
Die Zeitschrift "Schiffbau" urteilte 1922: "Man muß zu der Überzeugung kommen, daß es sich beim Versagen der Eisenbetonschiffe nicht um Kinderkrankheiten handelt." Man könne "wohl mit Ruhe die Akten über den Eisenbetonschiffbau schließen". Eine Fehleinschätzung, denn im Zweiten Weltkrieg erlebte der Betonschiffbau eine kurze Renaissance.
Die "Capella" in Rostock
Die "Capella" wurde 1943 im Swinemünder Ortsteil Ostswine für die sogenannte Transportflotte Speer gebaut, kam aber nie zum Einsatz. Kurz vor Kriegsende wurde sie nach Stralsund bugsiert, sank vor Rügen und wurde 1950 wieder gehoben. Nach Zwischenstationen kam sie 1962 nach Rostock, wo sie als schwimmendes Lager diente.
1988 erkannte das Rostocker Schiffbaumuseum die historische Bedeutung. Museumsmitarbeiter Ronald Piechulek erinnert sich: "Wir sind da gemeinsam hingefahren, haben uns das angeguckt und gesagt: Das muss ins Museum." Nach der Wende wurde das Schiff im Rahmen einer Arbeitsbeschaffungsmaßnahme vollständig restauriert. Die Rostocker nahmen Kontakt mit dem ursprünglichen Hersteller, der Baufirma Dyckerhoff & Widmann, auf. "Die haben uns geholfen, den Beton so zu sanieren, dass er wieder so dicht ist wie früher."
Museumsleiterin Kathrin Möller hofft, dass die "Capella" bald wieder für Besucher zugänglich ist: "Ich hoffe, dass wir jetzt schon im September damit anfangen dürfen – zum Beispiel am Tag des Offenen Denkmals." Der Frachtraum könne wie in den 90er-Jahren als Ausstellungsraum genutzt werden.
Das Wrack in der Wismarer Bucht
Das Schwesterschiff der "Capella" liegt als namen- und herrenloses Wrack in der Wismarer Bucht. Günter Bernier, Fischer in Redentin, sieht es täglich. In den 50er-Jahren diente es der DDR-Grenzpolizei als Passkontrollstelle. Später sollte es als Wellenbrecher den Redentiner Hafen schützen, was jedoch scheiterte. "Da sind wir dann Karussell gefahren", berichtet Bernier über die Manövrierprobleme der Fischerboote.
Im November 1972 riss sich das Schiff während eines Sturms los und fuhr sich im flachen Wasser fest. In DDR-Zeiten war das Gebiet Sperrgebiet. "Die haben auch auf das Betonschiff geschossen", sagt Bernier über sowjetische Truppen, die dort Schießübungen durchführten. Mitte der 1970er-Jahre kaufte die damalige Ehefrau von DDR-Fernsehmoderator Karl-Eduard von Schnitzler das Wrack – angeblich für 5 DDR-Mark. Geplante Pläne für ein Urlaubszentrum scheiterten an fehlenden Genehmigungen. Nach der Wende wurde eine Sprengung erwogen, aber nicht durchgeführt. Heute zieht der "Lost Place" Besucher an.