Feuerwehrcamp in Neuendorf: Freundschaft braucht keine Sprache
Feuerwehrcamp: Freundschaft braucht keine Sprache

80 Kinder, Jugendliche und Betreuer verbringen diese Ferienwoche auf dem Gelände der Feuerwehrtechnischen Zentrale in Neuendorf bei Neubrandenburg. 24 Gäste kommen aus Polen, darunter drei Betreuer. Die Jüngsten sind sieben, die Ältesten 17 Jahre alt. „Hier im Zeltlager als solches machen wir keinen Unterschied zwischen Kindern und Jugendlichen“, sagt Lagerleiterin Katja Hagen. „Die laufen tatsächlich alle zusammen.“ Und offenbar gilt das auch für Deutsche und Polen.

Verständigung ohne gemeinsame Sprache

Dabei gibt es ein Problem, das eigentlich ziemlich groß sein könnte: die Sprache. Deutsch können die polnischen Jugendlichen kaum. Umgekehrt sieht es nicht besser aussehen.

Wie verständigt man sich dann? „Zeichensprache, wenn’s nicht geht“, lautet eine Antwort. Man rede „mit Händen und Füßen“. Und dann gibt es schließlich noch das Smartphone: „Handys sind eine sehr große Hilfe“, erzählt ein Betreuer. Die Jugendlichen schicken sich Sprachnachrichten, „und der Übersetzer übersetzt das sofort ins Polnische oder umgekehrt“. Englisch hilft ebenfalls.

Freundschaften über Jahre gewachsen

Katja Hagen, Feuerwehrfrau aus Kratzeburg, beobachtet das seit Jahren. Sie ist seit 2016 beim Camp dabei und sagt über den Beginn der gemeinsamen Woche: „Wir haben uns ein Jahr lang nicht gesehen, aber es funktioniert total gut.“ Denn die Jugendlichen beginnen nicht jedes Jahr bei null.

„Es sind Freundschaften entstanden“, erzählt Hagen. Über soziale Medien würden besonders die Mädchen untereinander Kontakt halten. Die Jungs seien zurückhaltender. Aber wenn sie den Geburtstag eines deutschen Freundes kennen, „dann gratulieren sie schon stolz“.

Feuerwehralltag und Freizeitspaß

Dann ist es mit der Ruhe vorbei. Die Sirene heult über das Gelände. Jetzt zählt keine Nationalität und keine Sprache. Jetzt zählt Geschwindigkeit. Die Jugendlichen springen auf, laufen los, greifen nach ihrer Feuerwehrkleidung.

„Das ist das klassische Ritual“, sagt Hagen. Wie im wirklichen Leben: „Die Sirene geht und es muss alles stehen und liegen gelassen werden und sich so schnell wie möglich angezogen werden.“ Das wird wieder und wieder geübt. Und die Jugendlichen lieben es. „Wir machen auch nachts Alarm“, erzählt Hagen, „einfach weil die Kinder darauf warten.“

In der Atemschutzübungsanlage wird es eng. Gitter, Hindernisse, schmale Durchgänge. Die Strecke kann verändert werden, damit selbst derjenige, der sie schon kennt, nicht einfach seinen Weg auswendig abspult. Sollte ein Kind Angst oder Panik bekommen, können einzelne Gitter geöffnet und die Teilnehmer sofort herausgeholt werden. Julian hat es geschafft. Wie war’s? „Es ist sehr eng und alles anstrengend“, sagt er.

Trotzdem ist Neuendorf keine Feuerwehrschule mit Ferienunterbrechung. Eher umgekehrt. Am Dienstag ging es nach Neubrandenburg zum Lasertag und Minigolf. „Mega angekommen“, urteilt Hagen. Danach durften die Jugendlichen shoppen. An einem anderen Tag standen Freizeit und Ausflug auf dem Programm, außerdem besuchte die Gruppe die Bundeswehr. Dort gab es Sport und Teamaufgaben, die Jugendlichen konnten sogar kleine elektronische Schaltungen löten.

Und natürlich gibt es Volleyball. Der Platz wird rege genutzt, denn da braucht es nicht viele Worte. Selbst Dauerregen bringt das Camp nicht aus dem Takt. „Für Feuerwehrleute gibt es kein schlechtes Wetter“, heißt es trocken. Wenn es zu ungemütlich wird, gibt es eben einen Kinoabend im Zelt. Die Verantwortlichen haben in den vergangenen Jahren ohnehin fast alles erlebt: Sturm und sogar Temperaturen von vier oder fünf Grad mitten im Sommer.

Nachhaltige Wirkung über Generationen

Wie nachhaltig diese Wochen wirken können, zeigt sich bei den Erwachsenen. Eine 22-jährige polnische Betreuerin war selbst schon als Kind in Neuendorf dabei. Sie habe „etliche Freundschaften hier“, berichtet sie. Inzwischen ist sie berufstätig und könnte ihre freien Tage anders verbringen. Doch für das Camp hat sie Urlaub genommen und begleitet nun die nächste Generation polnischer Jugendfeuerwehrleute.

Auch auf deutscher Seite kehren ehemalige Teilnehmer zurück. Zwei junge Leute seien „jahrelang als Kinder hier mitgefahren und sind jetzt quasi Betreuer geworden“, erzählt ein Verantwortlicher. Seine Erklärung ist schlicht: „Weil sie Spaß daran gefunden haben.“

Vielleicht ist es mehr als nur Spaß. Denn auch Katja Hagen opfert Urlaub für das Camp. Die vier Ferienwochen werden unter verschiedenen Lagerleitungen aufgeteilt. „Sonst könnte ich mir das gar nicht leisten“, sagt sie. „Es gibt wenig Arbeitgeber, die einen so lange freistellen.“ Eine Woche kostet für die Familien lediglich 100 Euro, inklusive Vollverpflegung und Fahrten. Möglich wird das durch Sponsoring und Fördermittel. Zum Vergleich verweist eine Verantwortliche auf kommerzielle Ferienangebote: „Im Fußballcamp ist man locker mit drei-, vierhundert Euro dabei.“

Am Sonntag nach dem Frühstück ist Schluss. Dann werden Schlafsäcke eingerollt, Taschen gepackt und die polnischen Jugendlichen steigen wieder in den Bus. Zurück bleiben Telefonnummern, Kontakte auf sozialen Netzwerken, gemeinsame Erinnerungen – und die Aussicht auf das nächste Jahr. Man könnte dieses Zeltlager ein deutsch-polnisches Jugendprojekt nennen. Man könnte über Völkerverständigung, Europa oder grenzüberschreitende Zusammenarbeit reden. In Neuendorf klingt das alles viel einfacher. Filip sagt, warum er gekommen ist: „Um meine alten Kumpels wiederzusehen.“ Und vielleicht kann man deutsch-polnische Freundschaft kaum besser beschreiben.