Jan Gorkow, alias Monchi, Frontmann der Punkrock-Band Feine Sahne Fischfilet, hat sein zweites Buch geschrieben. „Jenseits der Brandmauer“ heißt es und es hält, was es verspricht. „Die Brandmauer existiert in meiner Heimatstadt Jarmen nicht“, sagt der Sänger im Interview mit dem Nordkurier. Sie sei, wenn überhaupt, ein „Mäuerchen“, das nur wieder „einer dieser Begriffe aus der Großstadt“ sei. Geschrieben hat er über seinen Alltag dort, „wo 54 Prozent der Menschen ihr Kreuz bei der AfD gemacht haben“ und „wo man einander nicht aus dem Weg gehen kann“.
AfD aus Sicht des Musikers
Dass so viele Menschen diese Partei wählen, liege daran, dass sie „keinerlei Vertrauen mehr“ in die etablierten Parteien und die Berliner Politik hätten. „Und allein dass die AfD, Brandmauer sei Dank, authentisch vermitteln kann, dass sie nicht ‚zu denen‘ gehört, reicht vielen schon“, schreibt der Musiker in seinem neuen Buch. Die AfD sei nicht so stark, weil sie stark ist, sondern weil die anderen so schwach sind, so Monchi am 11. August bei einer Lesung im Jarmener Skatepark. Dabei passiere in den Dörfern viel Gutes. Es gebe unglaublich viele Menschen, die „rödeln, wie bekloppt um was zu reißen“.
Stadt-Land-Gefälle und persönliche Erfahrungen
Für ihn ist das Thema AfD „viel mehr ein Stadt-Land-Thema“. In Jarmen gebe es Probleme, die ein Großstädter nicht kennt: Nach 20 Uhr ist da nur noch ein Dönerladen offen, keine Kinos, keine Theater, Ärztemangel, Überalterung – wie so oft in MV. Der Bus fahre alle Jubeljahre mal, der nächste Bahnhof sei 22 Kilometer entfernt und der Winter ist einfach nur „beschissen“. Monchi ist überzeugt: „Jarmen ist einer Kleinstadt im Saarland ganz bestimmt näher als einer Großstadt im Osten.“
Der Frontsänger ist in Jarmen aufgewachsen. Nach Station in Rostock ist er als frisch gebackener Papa wieder zurück in sein Heimatdorf gezogen. Seine Mutter ist Zahnärztin, sein Vater seit er denken kann im Kirchenrat engagiert. Die Eltern hatten es schwer mit ihm: Er war ein „Crash-Kid“, wie er sagt, und wollte vor allem eines: Stress. Mit 15 bekam er das erste Mal „so richtig aufs Maul von Neonazis“. Eine prägende Erfahrung für den Sänger: Er fand sich wieder in der linken Szene, war sehr aktiv und auch gewaltvoll. Das ist heute anders, sagt er. Für einige Aktionen schäme er sich sogar, meint er auf der Bühne des Jubiläumskonzertes in Rostock. Aber: „Ich werde jetzt nicht die rechte Wange hinhalten, wenn da Nazis bei mir auf der Matte stehen und Stress wollen“, sagt er auch. „Ich bin immer noch ich und zeige klare Kante bei Überzeugungsarschlöchern. Alles andere wäre Verrat an mir selbst.“
Differenzierter Blick auf die Gesellschaft
Im Buch zitiert Monchi eine oft gehörte Losung: „Wer die AfD wählt, ist ein Nazi und mit Nazis spricht man nicht.“ Vor ein paar Jahren hätte er so was ganz sicher auch noch herausgehauen und „mich dabei noch gut gefühlt“, schreibt er. Jetzt denke er differenzierter. Ob er sich noch als links bezeichnen würde? „Weiß nicht“, antwortet er. „Wenn ich in Berlin stehe, fühle ich mich eher konservativ, wenn ich auf dem Dorf bin, fühle ich mich eher links.“ Er werde niemals der AfD hinterherlaufen, sagt er überzeugt. Und doch frage er sich oft: „Wo würde ein 16-jähriger Monchi heute landen?“ In seinem Buch schreibt er: „So, wie es zuvor in einigen Regionen Deutschlands bei vielen Jugendlichen eher cool war, links zu sein, ist es jetzt eher cool, rechts zu sein.“
Engagement vor Ort und Buchdetails
Eine der bemerkenswerten Geschichten in seinem neuen Buch ist die über zwei Jugendliche – zweier „Crash-Kids [...], die noch überall landen können“. Monchi konnte sie für das von Feine Sahne Fischfilet jährlich organisierte Festival „Wasted in Jarmen“ begeistern und hatte sie im Vorbeifahren eingeladen. Die beiden seien tatsächlich aufgetaucht, erhielten Bändchen und packten mit an. Im Verlauf der nächsten 24 Stunden kamen noch weitere Freunde der beiden dazu. Einige der Jugendlichen hätten AfD-nahe Äußerungen in der Runde getätigt, erklärt Monchi, „aber der Punkt ist dann eben, sie nicht auszuschließen, sondern zu zeigen, was geht und was nicht und vor allem warum.“
Für Kids wie Monchi gab es früher kein Ventil, keinen Jugendclub, keinen Skatepark zum „Dummtoben“, sagt er. Heute ist das in Jarmen anders. Die Initiative, die sich um den Bau eines Skateparks kümmerte, hat er mitgetragen. Hier hielt er dann eine der ersten Lesungen seines neuen Buches ab – offen für alle. „Mit dem Engagement und den Investitionen vor Ort“ steht und fällt es am Ende, meint er. Monchi kritisiert dabei die bisherige Förderpolitik. Bei knappen Kassen, fordert er, soll lieber gezielt in lokale Initiativen, die vor Ort bleiben, investiert werden, statt in das „zehnte Töpfern gegen rechts“ oder in anonyme „Demokratiefeste, zu denen am Ende fünf Leute kommen und die Organisatoren danach wieder verschwinden“.
Sein Buch „Jenseits der Brandmauer“ ist keine wissenschaftliche Analyse und keine politische Streitschrift. Es ist ein Buch der offenen Fragen, der erfolglosen Suche nach Erklärungen und der düsteren Aussichten. Es ist aber auch die Liebeserklärung eines „antifaschistischen Lokalpatrioten“, wie Monchi sich nun nennt, an seine Heimat in der vorpommerschen Provinz. „Jenseits der Brandmauer. Über mein Leben in der ostdeutschen Provinz“ erschien am 13. August bei Kiepenheuer & Witsch als Hardcover zum Ladenpreis von rund 20 Euro. Das Buch ist zudem als E-Book erhältlich.