Carl Johann Theodor Abs, geboren am 12. September 1851 in Groß Godems bei Parchim, stieg vom mecklenburgischen Dorfjungen zum ersten großen Sportstar Deutschlands auf. Ende des 19. Jahrhunderts war sein Name in Zirkussen, Varietés, Sportzeitungen und auf Plakaten bekannt. Sein Kampfname: „die plattdeutsche Eiche“, international auch als „german oak“ angekündigt. Abs war etwa 1,84 Meter groß, wog gut 100 Kilogramm und galt als stärkster deutscher Ringer seiner Zeit.
Vom Pferdeknecht zum Kraftathleten
Abs wuchs in einfachen Verhältnissen auf. Sein Vater war Zimmermann, der Sohn sollte das Handwerk übernehmen. Doch Carl Abs zog es früh hinaus. Nach der Schule arbeitete er lieber als Pferdeknecht, später ging er nach Hamburg, wo er Fabrikarbeiter, Zimmermann und Kutscher war. Der Alltag formte seinen Körper, lange bevor von modernem Training die Rede sein konnte. Seine Kraft kam nicht aus Sporthallen, sondern erwuchs aus Arbeit, Stall, Werkstatt und Straße.
Bekannt wurde Abs durch einen Kampf gegen den „Eisernen Wilhelm“, einen reisenden Kraftmann, der in Varietés die stärksten Männer der jeweiligen Stadt herausforderte. Abs stellte sich ihm in Hamburg. Der erste Kampf endete unentschieden, den zweiten gewann der Mecklenburger. Danach wollte das Publikum mehr sehen. Abs trat gegen weitere Gegner an und gewann immer häufiger. Am Anfang war er kein technisch ausgebildeter Ringer. Er besaß vor allem rohe Kraft, Mut und ein erstaunliches Körpergefühl. Später erlernte er den Ringkampf systematischer und wurde zu einem Athleten, der nicht nur stark war, sondern seine Stärke auch einsetzen konnte.
Athletenkeller und Hufeisen-Medaille
1881 eröffnete Abs in Hamburg den „Athletenkeller“. Das Lokal war Treffpunkt, Trainingsort und Bühne zugleich. Dort wurde gerungen, gehoben, geprobt und vorgeführt. Der Athleten-Club Carl Abs gilt als eine frühe Keimzelle der deutschen Schwerathletik. 1882 gewann Abs bei der Berliner Sport-Ausstellung den Ringkampf-Wettbewerb und erhielt die Hufeisen-Medaille. Das war ein wichtiger Schritt: Ringen und Gewichtheben lösten sich langsam aus der reinen Schaustellerei. Abs stand genau an dieser Schwelle. Er war Artist, aber auch Sportler. Er bot Spektakel, aber seine Leistungen waren nicht nur Theater.
Zirkusse erkannten schnell, welche Zugkraft sein Name hatte. Abs trat bei bekannten Unternehmen wie Renz, Carré, Blumenfeld und Corty-Althoff auf. Auf Plakaten wurde er als „stärkster Mann der Welt“ angekündigt. Er hob Pferde, später in der Hamburger Flora sogar einen jungen Elefanten. Solche Nummern gehörten zur Sportkultur des 19. Jahrhunderts. Das Publikum wollte staunen, wetten, jubeln. Abs lieferte dafür die Figur: kräftig, bodenständig, zuverlässig, mit einer Geschichte vom mecklenburgischen Pferdeknecht zum gefeierten Kraftmenschen. Seine Auftritte führten in vielen Städten dazu, dass Athletikvereine entstanden.
Weltruhm in Amerika und Siege über Cannon
1885 reiste Abs in die USA. Dort war der Ringkampf stärker organisiert als in Deutschland. Für Abs war die Reise eine Bewährungsprobe. Er traf auf andere Stile, andere Gegner und ein Publikum, das Ringkämpfe als großes Geschäft kannte. In Amerika besiegte er unter anderem Sorakichi Matsuda und Edwin Bibby. Gegen den US-Champion William Muldoon erreichte er viel beachtete Ergebnisse. In Deutschland wurde Abs danach als erster deutscher Weltmeister im griechisch-römischen Stil gefeiert. In den USA wurde dieser Anspruch nicht offiziell anerkannt. Für seinen Ruhm machte das kaum einen Unterschied: Nach der Rückkehr ließ er sich als „Weltmeister“ und „stärkster Mann der Welt“ vermarkten.
Der größte Triumph kam 1891 gegen Tom Cannon, einen englisch-amerikanischen Meisterschaftsringer. Am 12. Juni gewann Abs vor rund 3000 Zuschauern im Belle-Alliance-Theater in Altona. Am 25. Juli folgte ein noch größerer Auftritt in Berlin: Etwa 10.000 Menschen sahen, wie Abs Cannon erneut bezwang. Diese Kämpfe waren Sportereignisse und Massenspektakel zugleich. Zeitungen berichteten, das Publikum tobte, es wurde gestritten und gewettet. Abs verdiente mit solchen Auftritten hohe Summen. Zugleich gab es, wie im damaligen Ringkampfgeschäft üblich, auch Manipulationsvorwürfe. Sein Ansehen als Kraftikone blieb dennoch bestehen.
Späte Kämpfe und früher Tod
Zu seinen bekannten Gegnern gehörten außerdem Pierre Rigal, Cheri Robinet und Antonio Pierri. Besonders die Kämpfe gegen Pierri 1893 sorgten für Aufsehen. Nach Protesten, Revanchen und einem verletzungsbedingten Abbruch warf Abs ihn schließlich am 9. März 1893 in nur 16 Minuten. Bald darauf zog sich Abs schrittweise vom Ringen zurück und konzentrierte sich stärker auf Kraftvorführungen. Ende 1894 trat er letztmals öffentlich auf. Im Januar 1895 erkrankte er schwer an Leber- und Nierenleiden sowie Wassersucht. Am 18. Februar 1895 starb Carl Abs in Hamburg. Er wurde nur 43 Jahre alt und auf dem Friedhof Ohlsdorf beigesetzt.
In seinem Heimatort Groß Godems ist Carl Abs bis heute nicht vergessen. 2002 wurde dort eine Straße nach ihm benannt. Sie führt vom Frachtweg in ein Neubaugebiet und erinnert an einen Mann, der aus einem kleinen mecklenburgischen Dorf auf die großen Bühnen Europas und Amerikas kam. Seit 2008 wird außerdem der Carl-Abs-Pokal vergeben. Damit lebt sein Name auch im regionalen Sport weiter. Carl Abs war Ringer, Gewichtheber, Artist und Gastwirt. Vor allem aber war er ein früher Star aus Mecklenburg, lange bevor Sportler zu nationalen Medienfiguren wurden.