Inklusives Segeln in Plau: Alle gleich auf dem Wasser
Inklusives Segeln in Plau: Alle gleich auf dem Wasser

Beim Plauer Hai-Live e.V. gehen Menschen mit und ohne Behinderung gemeinsam aufs Wasser. Speziell angepasste Boote der Klasse 2.4mR ermöglichen das barrierefreie Segeln. Viele entdecken den Sport während ihrer Reha – manche werden, wie Kerstin, Regattasegler.

Barrierefreies Segeln dank spezieller Boote

Für Kerstin Horn ist das Einsteigen ins Boot aufwendiger als für andere Segler. Doch sobald sie mit dem Boot den Steg verlässt, spielt ihr Rollstuhl keine Rolle mehr. „Wenn du im Boot bist, sieht man deine Behinderung nicht“, sagt sie. „Alle sind gleich auf dem Wasser.“

Vor rund zehn Jahren lernte Kerstin den Segelsport während einer Reha in Plau am See kennen. Eigentlich wollte sie das Angebot der Rehaklinik nur einmal ausprobieren. Doch sie blieb dabei, trat dem Segelverein Plauer Hai-Live bei und kommt seitdem jeden Sommer aus der Nähe von Hamburg nach Plau.

Die Boote der Klasse 2.4mR, die der Verein zur Verfügung stellt, können an die körperlichen Voraussetzungen der Seglerinnen und Segler angepasst werden. Gesteuert wird das Boot mit den Füßen oder Händen, auch Sitzposition und Stützpolster lassen sich verändern. Ein schwerer Kiel verhindert, dass die Boote kentern, Auftriebskörper sorgen dafür, dass sie nicht untergehen. Damit sollen auch Menschen Sicherheit bekommen, die sich nach einem Unfall oder einer Erkrankung zunächst nicht vorstellen können, allein zu segeln.

Seit 20 Jahren inklusives Segeln in Plau

Der Plauer Hai-Live e.V. wurde 2006 gegründet. Angefangen hat der Verein mit einem Boot und rund zehn Mitgliedern. Heute sind es nach Vereinsangaben etwa 100 Mitglieder und zwölf vereinseigene Boote. Eine wichtige Säule ist das Rehasegeln: Von Mai bis September können Patientinnen und Patienten der nahegelegenen Rehaklinik zweimal pro Woche das Segeln ausprobieren. Dazu gehören etwa Menschen nach einem Schlaganfall, mit Multipler Sklerose oder einer Querschnittslähmung.

Beim Einsteigen hilft der Verein – auf dem Wasser sollen die Teilnehmer möglichst selbstständig werden. Der Vereinsvorsitzende Lutz-Christian Schröder betont, das Schöne an dem Boot sei, dass es nicht nur für inklusives Segeln geeignet ist, „sondern das ist ein vollwertiges Segelboot, was in Deutschland und Europa oder weltweit als Regattaklasse gesegelt wird.“

Vom Rehasegeln bis zur Regatta

Für die Reha-Patienten sind die Leinen, mit denen das Boot gesteuert wird, farbig markiert. Über Funk können Helfer vom Land oder vom Begleitboot Anweisungen geben: „Jetzt mal ein bisschen Rot ziehen und jetzt mal ein bisschen Grün ziehen. Oder Rot loslassen oder Grün ziehen.“ Viele würden es bereits nach zehn Minuten schaffen, selbstständig vom Steg weg und wieder zurück zu segeln. Für den Verein geht es dabei nicht allein um Sport, sondern auch darum, den Patienten das Gefühl der Selbstwirksamkeit zu geben und ihnen zu zeigen, dass sie wieder etwas aus eigener Kraft schaffen können.

Manche Reha-Patienten belassen es bei einem Segel-Erlebnis, andere werden Vereinsmitglieder und später selbst Regattasegler – so wie Kerstin. Sie kennt beide Seiten: Als Vereinsmitglied begleitet sie Patienten bei ihren ersten Segel-Versuchen, teilweise nur wenige Wochen nach einem schweren Einschnitt in ihrem Leben. „Viele steigen aus dem Boot aus und sagen: Mensch, das war jetzt seit meinem Unfall das Beste, was ich erlebt habe.“

Neben der Vereinsarbeit nimmt Kerstin auch an Regatten teil. Sie war schon bei der Kieler Woche, der Warnemünder Woche und sogar bei einer Weltmeisterschaft dabei. Es sei aber nicht die Platzierung entscheidend, sondern das Gefühl, auf dem Wasser zu sein: „Man ist halt so im Hier und Jetzt, muss das tun, was das Boot von einem erwartet, was der Wind fordert, die Welle fordert.“ Und so geht es für Kerstin auch nach zehn Jahren immer wieder hinaus aufs Wasser.