Jakobskreuzkraut in MV: Gefahr für Weidetiere, Raupe als Helfer
Jakobskreuzkraut in MV: Gefahr für Tiere, Raupe hilft

Das Jakobskreuzkraut breitet sich auch in Mecklenburg-Vorpommern aus. Die giftige Pflanze kann vor allem Pferden, Rindern und Schafen gefährlich werden. Eine Raupe könnte es eindämmen.

Giftige Inhaltsstoffe bedrohen Weidetiere

Das Jakobskreuzkraut, auch Jakobs-Greiskraut genannt, gehört zur Familie der Korbblütler. Alle Pflanzenteile enthalten Pyrrolizidinalkaloide (PA), giftige Stoffe, die vor allem Leber und Stoffwechsel der Tiere schädigen können. Besonders gefährdet sind Pferde, aber auch Rinder und Schafe können erkranken.

Tierarzt Veit Mothes erklärt, dass ein Tier nicht einfach stirbt, weil es einmal eine Pflanze frisst. Das Problem liegt vielmehr in der regelmäßigen Aufnahme: „Die Pyrrolizidinalkaloide werden in der Leber kumuliert.“ Die Giftstoffe können sich über längere Zeit ansammeln und die Leber zunehmend schädigen. „Vermutlich werden viele durch Vergiftungen ausgelöste Tode auf akute Geschehen geschoben und eine langfristige Leberschädigung durch Intoxikation nicht in Betracht gezogen“, sagt Veit Mothes.

Vergiftung oft spät erkannt

Auf die Frage, ob er in seinem Praxisalltag solche Vergiftungen bereits erlebt hat, antwortet er mit Jein. Denn es lasse sich nicht direkt feststellen, ob das Tier eine Vergiftung durch das Jakobskreuzkraut hat. „Die Leber wird auf lange Sicht geschädigt und dann lassen sich manchmal nach ausführlicher Anamnese auch Rückschlüsse zum Jakobskreuzkraut machen.“

Auf der Weide haben die Tiere einen natürlichen Schutz: Das Jakobskreuzkraut schmeckt bitter und wird von Pferden, Rindern und Schafen normalerweise gemieden. Doch dieser Schutz verschwindet, wenn die Pflanze im Heu oder in der Silage landet. Durch die Verarbeitung verliert sie ihren bitteren Geschmack, gleichzeitig können die Tiere die Pflanze nicht mehr so einfach aussortieren.

Pferde besonders gefährdet

„Besonders gefährdet sind und bleiben nach wie vor die Pferde“, betont der Tierarzt. Deshalb sollten Tierhalter beim Heukauf genau hinschauen und darauf achten, dass das Futter von Flächen stammt, auf denen kein Jakobskreuzkraut wächst.

Dass die Gefahr nicht überall gleich groß ist, zeigt der Blick auf die Schafhaltung von Jörg Pundt. Mehr als 1000 Tiere gehören zu seiner Herde. Bislang hat er mit dem Jakobskreuzkraut keine größeren Probleme. „Die Tiere müssten schon sehr viel davon fressen, dass sie daran sterben“, sagt Schäfer Pundt. Auf seinen Flächen könne er den Bestand derzeit gut kontrollieren. „Wir haben hier nur vereinzelt ein paar Pflanzen und die reißen wir rechtzeitig raus und entsorgen sie“, berichtet der Schafzüchter der Agrargenossenschaft Lübstorf.

Anders sieht es in Regionen aus, in denen sich das Kraut großflächig ausgebreitet hat. Jörg Pundt beobachtet solche Probleme vor allem auf sandigen Böden. Ist die Pflanze erst einmal da, kann sie hartnäckig sein: Ihre Samen können nach Angaben von Fachleuten rund 30 Jahre im Boden überdauern.

Honig in MV derzeit unbedenklich

Nicht nur Tierhalter beobachten das Jakobskreuzkraut mit Argwohn. Auch für Imker ist interessant, ob die gelben Blüten Einfluss auf den Honig haben. Denn die Pflanze enthält Pyrrolizidinalkaloide (PA), die über Nektar und Pollen in den Honig gelangen können. Allerdings scheint die Gefahr zumindest in Mecklenburg-Vorpommern derzeit überschaubar. „Mir ist nicht bekannt, dass wir hier in MV aktuell Probleme damit haben. In anderen Regionen kann das allerdings anders aussehen“, sagt Carsten Fischer, Vorsitzender des Landesverbandes der Imker Mecklenburg-Vorpommern.

Der Landesimkerverband weist darauf hin, dass Bienen das Jakobskreuzkraut normalerweise eher meiden und es vor allem bei Trachtmangel nutzen. Untersuchungen zeigen zudem, dass die PA-Werte in deutschem Honig meist deutlich unter den kritischen Grenzen liegen. Für Verbraucher bedeutet das: Honig ist durch das Jakobskreuzkraut nicht grundsätzlich gefährlich.

Auch die Landesregierung Mecklenburg-Vorpommerns hat keine detaillierte Statistik darüber, wie sich die Bestände in den vergangenen zehn Jahren nach Landkreisen entwickelt haben. Die bekannten Vorkommen lassen sich über die Datenbank Flora-MV nachvollziehen. Klar sei: Das Jakobskreuzkraut ist weit verbreitet.

Richtige Bekämpfung und Entsorgung

Wer nur einzelne Pflanzen auf der Wiese entdeckt, sollte möglichst schnell handeln. Herausziehen, vollständig entfernen und sicher entsorgen ist eine Möglichkeit. Wichtig ist dabei, die Pflanze nicht einfach liegenzulassen und schon gar nicht auf dem Kompost weiterwachsen zu lassen.

Schwieriger wird es bei stark befallenen Flächen. Einfach mähen und weitermachen kann das Problem sogar verschärfen. Denn das Jakobskreuzkraut ist zäh. Nach dem Schnitt kann es in eine Art Notreife gehen und trotzdem noch Samen bilden. Andreas Frahm aus Schleswig-Holstein beschäftigt sich seit Jahren mit dem Problem. Er hat acht Jahre zum Jakobskreuzkraut und seinem natürlichen Gegenspieler geforscht.

Mulchen ist keine Wunderwaffe, betont er. Werden Pflanzen zerkleinert, können Samen weiter auf der Fläche verteilt werden. Wird eine stark belastete Wiese gemäht, muss das Schnittgut deshalb möglichst schnell abgefahren und fachgerecht entsorgt werden. Auf besonders stark befallenen Flächen kann es sogar sinnvoll sein, zunächst auf eine Mahd zu verzichten, so der Experte.

Er weiß, dass es nicht immer möglich ist, ganze Flächen über längere Zeiträume nicht zu mähen. „Dann kann man mit Schonstreifen arbeiten“, sagt Andreas Frahm und berichtet von Zusammenarbeiten mit Landwirten, bei denen er sich auch mit Behörden geeinigt hat, wenn beispielsweise Programme eine Mahd der Flächen pro Jahr vorgeschrieben war. „Es findet sich immer eine Lösung. Nur nichts ist schlimmer als nichts zu machen“, sagt er mit Nachdruck.

Blutbär als natürlicher Gegenspieler

Denn er hat einen kleinen Helfer entdeckt, der dem Kraut zu Leibe rückt. Die Raupe von einem unscheinbaren Schmetterling: dem Blutbären. Seine Raupen haben das Jakobskreuzkraut zum Fressen gern. Sie sitzen unter den Blättern der zweijährigen Pflanze und können sie regelrecht kahl fressen. „Diesen Blutbären und dessen Vermehrung zu steuern, darum geht es bei dem Projekt“, erklärt Andreas Frahm. Der Blutbär gilt allerdings selbst als gefährdet und steht auf der Roten Liste. Sein Einsatz gegen das Jakobskreuzkraut muss deshalb mit Bedacht erfolgen, mahnt er.

Andreas Frahm hat eine Methode entwickelt, mit der die natürlichen Fraßfeinde gezielt genutzt werden sollen. Die Idee dahinter ist simpel: Statt das Kraut immer wieder mechanisch zu bekämpfen, soll der natürliche Kreislauf der Pflanze gestört werden. Die größte Gefahr sieht der Landwirt allerdings nicht in der einzelnen gelben Blüte, sondern darin, dass ihre Samen immer weiter verschleppt werden. Das kann über Erde, Heu oder landwirtschaftliche Maschinen geschehen. Deshalb sollte jeder beim Kauf gebrauchter Maschinen genau hinschauen und fragen: Wo war das Gerät vorher im Einsatz? Und wurde es auf Flächen genutzt, die mit Jakobskreuzkraut belastet waren?, so der Rat des Experten.

Wer selbst betroffen ist und mehr über den Einsatz des Blutbären erfahren möchte, kann sich direkt an Andreas Frahm wenden. Der Landwirt aus Schleswig-Holstein berät Landwirte, Gemeinden und private Flächenbesitzer und unterstützt nach eigenen Angaben auch bei der Ansiedlung der Raupen. Weitere Informationen gibt es bei Andreas Frahm unter 0172 268 91 08 oder per E-Mail an [email protected].

Woher das Jakobskreuzkraut auf die Wiesen gelangt, lässt sich nicht immer eindeutig sagen. Fest steht aber: Straßenränder und Bahndämme gehören zu den Flächen, auf denen sich die Pflanze besonders gut ausbreiten kann. Eine Broschüre des Landes Schleswig-Holstein nennt neben Straßen- und Wegrändern ausdrücklich auch Bahndämme als besonders anfällige Standorte. Der dortige Bauernverband berichtet zudem von Jakobskreuzkraut-Hotspots entlang von Bahnstrecken. Durch die Verwirbelungen vorbeifahrender Züge können die Samen entlang der Gleise und weit auf angrenzende landwirtschaftliche Flächen getragen werden. Die Deutsche Bahn hat deshalb bereits Bekämpfungsmaßnahmen an betroffenen Bahnstrecken angekündigt.