Alt Rehse: Zehn Jahre nach dem „Horrorhaus“-Fall
Zehn Jahre nach dem „Horrorhaus“-Fall in Alt Rehse

Im kleinen Ort Alt Rehse am Tollensesee ist es still geworden um das Haus, in dem vor zehn Jahren ein Verbrechen geschah, das weit über die Dorfgrenzen hinaus für Schlagzeilen sorgte. Das Gebäude und das Grundstück sind inzwischen stark von der Natur zurückerobert, und die Bewohner haben sich beinahe an den Anblick gewöhnt.

„Da tut sich ja nichts. Was sollen wir machen außer hoffen und warten?“, fragt ein Mann, der an diesem Sommertag den Vorgarten von Hälmchen befreit, die dort nach seiner Ansicht nicht hingehören. Mit seinem Namen in die Zeitung möchte er nicht. Ansonsten ist der Ort an diesem Vormittag menschenleer.

Ein Verbrechen, das ans Licht kam

Im Sommer 2016 schoben Polizei und Spurensucher in weißen Einweganzügen einen Menschen im schwarzen Plastiksack in den Leichenwagen. Die traurige Geschichte der ehemaligen Kuppelshow-Kandidatin Sarah H. wurde publik. Sie wurde mutmaßlich von ihrem Lebensgefährten Axel Ingo G. getötet, einem Zugezogenen, der im Dorf schon lange als Außenseiter galt.

Die Dorfbewohner hatten registriert, dass sich der Computertechniker, der einst für renommierte Firmen arbeitete, immer mehr veränderte und zum „Reichsbürger“ wurde. Er schottete sich ab, ging kaum noch aus dem Haus und ließ auch den dünnsten sozialen Faden im Ort reißen. Kein Dorffest mehr, kein Kirchgang, kein Klön am Gartenzaun.

Die Tat und ihre Folgen

Zwei Stunden lang soll der damals 52-Jährige mit einer Lederpeitsche auf die nackte, gefesselte Sarah H. eingedroschen und ihr Nahrung sowie Trinken verweigert haben, ergaben die Ermittlungen. Die junge Frau starb. Mehrere Wochen soll der Mann die Leiche im Haus aufbewahrt haben. Nur durch einen zufälligen Polizeieinsatz – Anwohner beschwerten sich über nächtlichen Lärm – wurde sie gefunden.

In jener Zeit rückte eine neue Frau in den Mittelpunkt: Laura G. heiratete „ihre große Liebe“ trotz aller Anfeindungen. Das seit Jahren leer stehende Haus beschert ihr mehr Last als Lebensfreude, denn das Areal muss gesichert und gesäubert werden. Als Erbin hat die Witwe noch einen Bezug zu dem Haus, in dem sie nach eigenem Bekunden nie lebte.

Keine Neuigkeiten vom Grundstück

Sven Flechner, Bürgermeister der Gemeinde Penzlin, zu der Alt Rehse gehört, informierte auf Anfrage, bei der „jüngsten Kontrolle festgestellt worden, dass das Grundstück frisch gemäht war“. Ansonsten gebe es keine Neuigkeiten, auch keinen Kontakt zur Witwe. Ob diese aktuell versucht, das Haus zu verkaufen, wisse er nicht. Für Fragen war Laura G. diesmal nicht erreichbar.

Prozess und Ende des Täters

Welche Rolle Axel Ingo G. genau beim Tod von Sarah H. gespielt hat, ließ sich auch in einer langen Prozess-Serie nicht mehr klären. Ursprünglich hatte das Landgericht Neubrandenburg den Mann wegen Körperverletzung mit Todesfolge und Freiheitsberaubung zu fünf Jahren Haft verurteilt. Doch der Bundesgerichtshof hob dieses Urteil auf, weil die Schuldunfähigkeit nicht ausreichend geprüft worden sei.

In der Neuverhandlung konnte die exakte Todesursache wegen des fortgeschrittenen Verwesungszustands der Leiche nicht mehr zweifelsfrei an die Misshandlungen gekoppelt werden. Der Vorwurf der Körperverletzung mit Todesfolge entfiel. Axel Ingo G. wurde lediglich wegen Körperverletzung, versuchter Nötigung und Widerstands gegen Vollstreckungsbeamte zu einer Geldstrafe von 90 Tagessätzen zu je 15 Euro (insgesamt 1350 Euro) verurteilt.

Nach seiner Haft-Entlassung kam der Mann bei einem wahrscheinlich selbst verursachten Gasunfall in seiner Wohnung in Neustrelitz ums Leben. Was nun aus dem Haus wird, der ehemaligen Gaststätte „Haus Rethra“, ist ungewiss. Manche wünschen sich, das Haus abzureißen und etwas Neues zu bauen. In dem Ort, in dem die Nazis in den 30er-Jahren die „Führerschule der Deutschen Ärzteschaft“ eingerichtet hatten, möchte man nicht noch einen „schwarzen Fleck“ – und zehn Jahre nach der Tat endlich Ruhe und andere Themen.