Am 10. August 1896 starb Otto Lilienthal an den Folgen eines Absturzes. Der gebürtige Anklamer absolvierte über 2.000 Flugversuche und gilt als erster erfolgreicher Flieger der Menschheit. Sein Todestag jährt sich 2026 zum 130. Mal.
Faszination Vogelflug
Otto Lilienthal war fasziniert von den Flugkünsten der Vögel, die ihm als Vorbild für seine Versuche dienten. In seinen Schriften finden sich poetische Zeilen, etwa: "Fast möchte man dem Eindrucke Raum geben, als sei der Storch eigens dazu geschaffen, um in uns Menschen die Sehnsucht zum Fliegen anzuregen und uns als Lehrmeister in dieser Kunst zu dienen."
Im 19. Jahrhundert galt er als Luftfahrtpionier: Seine Forschungen zum Flugprinzip "schwerer als Luft", zum Konzept der Tragflächen und seine Gleitflüge bilden die Grundlage für den Bau moderner Verkehrsflugzeuge. Viele seiner Erkenntnisse haben bis heute Bestand.
Frühe Flugversuche
Karl Wilhelm Otto Lilienthal wurde am 23. Mai 1848 als erstes von acht Kindern in Anklam geboren. Sein Vater Gustav war Tuchhändler und mathematisch-technisch begabt, seine Mutter Caroline hatte Musik studiert. Kurz vor Ottos 13. Geburtstag starb der Vater plötzlich; die Mutter ermöglichte ihren Kindern trotz finanzieller Schwierigkeiten eine gute Ausbildung.
Ab 1856 besuchten Otto und sein Bruder Gustav das Gymnasium in Anklam. Schon damals studierten sie Vogelflüge und machten Flugversuche. Mit 14 Jahren baute Otto Flügel, die man sich an die Arme schnallen konnte, und unternahm einen ersten Flugversuch.
Werdegang und erste Veröffentlichungen
In seiner Ausbildung in Potsdam experimentierte Lilienthal weiter, testete den Luftwiderstand mit einem Flügelschlagapparat. 1870 zog er kurz in den Krieg zwischen Preußen und Frankreich. Ab 1871 arbeitete er als Konstruktionsingenieur. 1873 traten die Brüder in die Londoner "Königliche Gesellschaft für Luftfahrt" ein; im selben Jahr veröffentlichte Otto einen Aufsatz zur Theorie des Vogelfluges. 1874 entdeckten sie bei Experimenten mit Flugdrachen die Vorzüge leicht gewölbter Flügelflächen.
Vom Schritt zum Flug
Ab 1889 hielt Lilienthal vier Störche in seinem Garten in Berlin-Lichterfelde. Er erkannte, dass die Luftbewegung unter den Vögeln langsamer ist als über ihnen – dadurch entsteht Auftrieb. Auf dieser Basis baute er seine Experimente auf. Die Umsetzung der Theorie in die Praxis war jedoch eine Herausforderung.
Seine Formel lautete: "vom Schritt zum Sprung, vom Sprung zum Flug". Zuerst übte er stehend gegen den Wind, dann mit Sprüngen von einem Sprungbrett, bevor er sich an den ersten Abhang wagte. 1891 glitt er rund 20 Meter durch die Luft, später in einer Sandgrube bei Berlin-Steglitz bis zu 80 Meter. Am Gollenberg bei Rhinow flog er bis zu 250 Meter weit, bei Geschwindigkeiten bis zu 50 Stundenkilometern.
Insgesamt absolvierte er über 2.000 Flugversuche, auch mit seinem 1893 entwickelten Normalsegelapparat. Das Gleitflugzeug aus stoffbespanntem Weidenholz mit einer Spannweite von 6,70 Metern steuerte er durch Gewichtsverlagerung. Es war das erste seriell gefertigte Flugzeug der Geschichte, das er in seiner Maschinenfabrik produzierte und für 500 Mark verkaufte.
Tödlicher Absturz
Am 9. August 1896 stieg Lilienthal wie oft auf den 110 Meter hohen Gollenberg im Havelland. An diesem sonnigen Tag unterschätzte er die Thermik – eine Windböe erfasste ihn, sein Gleiter geriet ins Trudeln und schlug ungebremst auf dem Boden auf. Nach dem Aufprall soll er gesagt haben: "Ist nicht so schlimm, kann mal vorkommen. Ich muss mich nur etwas ausruhen, dann machen wir weiter." Doch beim Transport in die Berliner Universitätsklinik fiel er ins Koma und starb einen Tag später.
Vorbild für die Gebrüder Wright
Lilienthal blieb als Visionär in Erinnerung. 1894 schrieb er in einem Brief von seiner Überzeugung, dass der freie Flug zur "Veränderung all unserer Zustände" führen würde, und prophezeite den "weltumspannenden Luftverkehr". Nach seinem Tod geriet er in Deutschland zunächst in Vergessenheit, inspirierte aber andere Wegbereiter wie die Gebrüder Wright. Wilbur Wright schrieb in einem posthum veröffentlichten Aufsatz: "Von allen, die das Problem des Fliegens im 19. Jahrhundert behandelten, war Otto Lilienthal zweifelsfrei der Bedeutendste."