Reet statt Blech: Engemann trotzt Sturz und Nachwuchssorgen
Reet statt Blech: Engemann trotzt Sturz und Nachwuchssorgen

Michael Engemann aus Evchensruh bei Massow nahe der A19 führt seit fast 20 Jahren einen Betrieb für Reetdachdeckerei. Der 2007 gegründete Handwerksbetrieb ist in der Region und darüber hinaus tätig. Laut Reetdachdecker-Innung bieten in Mecklenburg-Vorpommern nur noch rund 20 freiwillig organisierte Mitgliedsbetriebe dieses Handwerk an.

Engemanns Vater Konrad Engemann, Obermeister der Innung, habe ihm den Weg zu diesem Nischen-Beruf bereitet. Der Betrieb ist in Bayern, auf Usedom und Rügen sowie in der eigenen Region aktiv. Dachpflege übernimmt er unter anderem in Klink, Vipperow, Sietow-Dorf und Alt Rehse. Auch neue Dächer entstehen unter seiner Regie. „Bootsschuppen sind auch unser Thema, und davon gibt es ja viele hier. Doch nicht jeder entscheidet sich für eine Reparatur. Aus Kostengründen kommt immer mal wieder auch ein Blechdach rauf“, bedauert Engemann.

Ein Handwerk mit Tradition und Herausforderungen

In den 1990er Jahren habe es besonders viele Neudeckungen gegeben, inzwischen seien die Aufträge in der Müritzregion weniger geworden. Engemann vereint Schilfdachdecker- und Zimmermannskönnen in seinem Beruf und setzte den Meister obendrauf. Die hohe Zeit der Dachdecker liegt von April bis Oktober, wenn Strohbunde Lücken schließen oder neue Dächer mit frischem Rohr gedeckt werden. Mit Energie werfen Engemann und seine zwei Mitarbeiter die Bunde aufs Dach, binden sie mit Nadeln an die Dachlatten und klopfen das Reet mit dem Klopf- oder Treibbrett hoch.

Mit Schilf zu decken sei kein eigener Ausbildungsberuf, sondern eine Spezialisierung innerhalb der klassischen Dachdeckerausbildung. „Und eine Kunst“, wie Engemann sagt. Die Reetdachdeckerei sei ein fast 4000 Jahre altes Handwerk in Europa und inzwischen immaterielles Weltkulturerbe. Wer mit Schilfrohr arbeiten möchte, brauche „viel Gefühl und ein gutes Auge, damit das Reet sauber liegt. Jedes Dach ist anders, jedes Reetbund ist anders – dafür braucht es Erfahrung und ein gutes Gespür“. Auch stabile Knie, Schwindelfreiheit und Geduld seien wichtig.

Vom Arme-Leute-Dach zum Naturbaustoff

Einst sei Reet ein „Arme-Leute-Dach“ gewesen, die Menschen hätten sich selbst einheimisches Stroh geschnitten. Heute kaufe man getrocknete Schilfhalme aus Ungarn, Rumänien, Österreich, der Türkei, der Ukraine und Polen, auch Engemann bezieht seinen Naturbaustoff aus einigen dieser Länder. In Deutschland werde Reet meist nur noch auf den Inseln angebaut und für den Eigenbedarf behalten. Auf Sylt sei in Bebauungsplänen und Satzungen vorgeschrieben, ausschließlich das historische Material fürs Dach zu nutzen.

Reethausbesitzer schätzten das Wohnklima und die harmonische Ausstrahlung der Häuser und entschieden sich oft aus ökologischen Gründen für den nachwachsenden Rohstoff. Trotz Kosten und erhöhter Brandgefahr mit entsprechenden Versicherungsprämien würden sie die Vorteile einer Reeteindeckung schätzen. Engemann versteht die wirtschaftliche Lage, wenn sich manche für ein Blechdach entscheiden.

Nachwuchssorgen und ein Sturz vom Dach

Ob die Dachdecker-Reise weitergeht, lässt Engemann offen: „Wie lange ich das noch mache, das weiß ich nicht.“ Sein Sohn habe bereits signalisiert, dass er nicht zur folgenden Reetdachdeckergeneration gehören wolle. „Es ist ja kein leichter und ungefährlicher Job.“ Ein Sturz vom Dach vor einigen Jahren habe gezeigt, wie fragil die Gesundheit bei dieser Arbeit ist – nur haarscharf sei Engemann dem Rollstuhl entgangen. Die Leidenschaft, den Betrieb im Andenken an seinen Vater lebendig zu halten, trage ihn. Engemann ist nicht mehr so oft auf den Dächern anzutreffen, auch wegen der Bürokratie.

Seit einiger Zeit rückt Engemann wegen der Erika in Gefilde aus, wo das Heidekraut Heimat hat – an Küsten, auf Inseln und in Niedersachsen. Mit einer Spezialmaschine bringt er einen Teil der Ernte mit, die dann als Handschrift der Engemann-Häuser die Firste ziert. Und auch für Tiere sei ein Reetdach gut: Spinnen schlüpften besonders gern mit unters Dach. An diesem Tag bleibt der Regen aus, wie Engemanns abschließender Befund mit Blick in die Wolkenwelt lautet.