In der Hansestadt Anklam ist ein nahezu einmaliges Gebäude erhalten: das ehemalige Wehrmachtgefängnis. Seit einigen Jahren befindet sich der Gedenkort in der Hand der Stadt. Hier lässt sich hautnah erleben, wie das System des Nationalsozialismus funktionierte, welche Ängste geschürt wurden und welche Überzeugungen in der Bevölkerung herrschten.
Zellentrakt mit Todeszelle erhalten
Von den zwei erhaltenen Wehrmachtgefängnissen auf deutschem Boden – das zweite befindet sich in Torgau – ist nur der Gedenkort in Anklam derart öffentlich zugänglich und authentisch. Wurde zu DDR-Zeiten der obere Bereich des mehrstöckigen Gebäudes als Getreidelager genutzt, ist es speziell der Keller, der Besuchern ein beklemmendes Gefühl vermittelt. Auch der Zellentrakt ist hier erhalten – bis zur Todeszelle ganz am Ende, in der die Insassen die letzten Nächte vor der Hinrichtung verbringen mussten.
Zwischen 1940 und 1945 sind mehrere tausend Wehrmachtsangehörige in Anklam inhaftiert gewesen. Ihnen wurden kriminelle Delikte, zumeist jedoch Fahnenflucht, unerlaubte Entfernung von der Truppe und Wehrkraftzersetzung zur Last gelegt. Nach heutigen Erkenntnissen wurden 134 Soldaten und Offiziere vor Ort hingerichtet.
Gedenktage fördern Austausch und ordnen Geschichte neu
Spätestens mit dem Erwerb des Gebäudes beschäftigen sich auch die Mitarbeiter der städtischen Museen mit der Frage, wie Geschichtsbildung und Gedenken hier stattfinden können und sollen. Aussagen zu Initiativen im aktuellen Landtagswahlkampf möchte man hier nicht machen und verweist auf die politische Neutralität, die die Hansestadt Anklam einzuhalten hat. Gleichwohl könne man jedoch fachliche Einschätzung zur Erinnerungskultur im Anklamer Raum geben.
„Nach meiner Erfahrung bieten Gedenk- und Erinnerungstage eine wichtige Grundlage, um historisch einschneidende Ereignisse ins öffentliche Bewusstsein zu rufen, deren Bedeutung zu vermitteln und den gesellschaftlichen Austausch zu fördern. Gleichzeitig eröffnen sie die Möglichkeit, aktuelle ortsbezogene Forschungsergebnisse einer breiten Öffentlichkeit vorzustellen und historische Zusammenhänge neu einzuordnen“, sagt Sabine Görner, die sich als wissenschaftliche Mitarbeiterin speziell auch mit dem ehemaligen Wehrmachtgefängnis beschäftigt und dieses betreut.
Anklam pflegt besondere Gedenktage
Dabei steht in Anklam jedoch nicht unbedingt nur der 8. Mai, der Tag der Befreiung vom Nationalsozialismus und Ende des Zweiten Weltkriegs 1945, im Fokus. „Die Hansestadt Anklam richtet seit vielen Jahren öffentliche Gedenkveranstaltungen zum Volkstrauertag sowie anlässlich der Bombenangriffe auf Anklam in den Jahren 1943 und 1944 aus“, so Görner. Darüber hinaus würden weitere Gedenkveranstaltungen, beispielsweise am 8. Mai oder am 9. November, unterstützt, die auf einem langjährigen Netzwerk basieren und mit verschiedenen Kooperationspartnern vorbereitet und durchgeführt werden.
Und noch ein Datum spielt in der Anklamer Erinnerungskultur eine besondere Bedeutung: „Seitens des Museums haben wir den 27. Januar, den Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus und den Jahrestag der Befreiung des Konzentrations- und Vernichtungslagers Auschwitz-Birkenau, bewusst mit dem ehemaligen Wehrmachtgefängnis verknüpft. Dadurch konnte der Volkstrauertag thematisch breiter aufgestellt und die verschiedenen Facetten der lokalen Erinnerungskultur stärker differenziert werden“, berichtet die Wissenschaftlerin.
Wachsendes Interesse in dritter Generation spürbar
Neben den Gedenktagen beobachtet sie zudem, dass das Thema Nationalsozialismus sowohl im privaten als auch im öffentlichen Bereich mit wachsendem Interesse belegt ist. In Anklam möchte man diesem mit speziellen Veranstaltungen gerecht werden. So gebe es im Wehrmachtgefängnis unter anderem thematische Vorträge, Buchpräsentationen oder weitere Bildungsangebote. Man versuche so auch „neue Impulse für die Auseinandersetzung mit der lokalen Geschichte zu setzen.“
Für das persönliche Gedenken werden aber auch andere Orte in der Stadt von den Menschen aufgesucht. Sabine Görner sieht hier sogar eine Entwicklung zum Geschichtstourismus. „Insbesondere Angehörige der dritten Generation begeben sich auf Spurensuche nach der Geschichte ihrer Familien und verbinden dies mit dem Besuch historischer Erinnerungsorte“, schildert sie.
In Anklam wurden an diesen Orten spezielle Gedenktafeln, die mehrsprachig – in Englisch, Polnisch und Schwedisch – historische Erklärungen und Einordnungen an bedeutenden Orten in der Stadt geben, aufgestellt. Dazu zählen auch der jüdische und der alte Friedhof in Anklam, wo von Besuchern regelmäßig Blumen, Steine oder handschriftliche Botschaften niedergelegt werden, um die persönliche Form des Gedenkens zum Ausdruck zu bringen.