Teile des Waldes bei Neubrück in der Mecklenburgischen Seenplatte erinnern derzeit an eine Mondlandschaft. Der Boden ist kahl und ausgedörrt, Mulden und Furchen sind in die Erde gegraben, Bäume werfen ihre Rinde ab. Ein Baggerfahrer schabt vorsichtig Erdschichten ab – ein Mitarbeiter der Gesellschaft für Kampfmittelbeseitigung Mecklenburg-Vorpommern (GFKB). Im Auftrag der Landesforst räumen er und seine Kollegen Granaten und andere Relikte des Zweiten Weltkriegs aus dem Wald.
Hintergrund: 16.000 Hektar mit Munition belastet
Was die Fachleute gerade im Kleinen rund um das Dorf südöstlich von Neustrelitz tun, betrifft große Teile der Region. Auf geschätzten 16.000 Hektar liegen Munition und andere Kampfmittel großflächig im Landkreis verteilt – vor allem aus dem Zweiten Weltkrieg, aber auch von späteren Schießübungen von NVA und Roter Armee. Seitdem die Altlasten im Sommer bei den Waldbränden zwischen Neustrelitz und Waren die Löscharbeiten extrem behinderten, wälzen Kommunalpolitiker in der Seenplatte die Frage: Muss die Munition aus den Wäldern geräumt werden? Was kostet das? Ist das großflächig machbar? Und will man den Schutzgebieten den massiven Eingriff überhaupt antun?
Falk Jagszent, Leiter des Forstamts Lüttenhagen, will sich in politische Entscheidungen nicht einmischen. Als sachkundiger Einwohner hat er jedoch die Mitglieder des Kreistags-Ausschusses für Landwirtschaft und Umwelt beraten und zeigte dem Nordkurier, wie Munitionsräumung praktisch aussieht.
Geschosse aus der ehemaligen Munitionsanstalt
Die zumeist noch scharfen Geschosse bei Neubrück stammen aus der ehemaligen Munitionsanstalt bei Fürstensee. Dort war nach 1935 Munition nahezu jedes Kalibers für die Flugabwehr zusammengesetzt worden. Nach 1945 wurden Lagerbestände zwecks Vernichtung in die Luft gesprengt. Allein bei Neubrück gibt es mindestens zwölf alte Sprengtrichter, berichtet der Förster. Die Munition sei bei der Sprengung nicht explodiert, sondern hunderte Meter weit geschleudert und liegen gelassen worden. Warum im Jahr 2010 ausgerechnet für Neubrück die Beräumung beantragt wurde und seit 2022 umgesetzt wird, erklärt Jagszent so: „Irgendwo musste man anfangen.“
Im Oktober wollen die Munitionsberger bei Neubrück fertig werden. Bis dahin sollen rund 70 Hektar sauber sein. Gefunden, an Ort und Stelle gesprengt oder antransportiert und unschädlich gemacht wurde in den vergangenen Jahren ein Sammelsurium: Bomben, Artilleriegranaten, Infanteriemunition, Waffenteile, Pistolen. Zwei Tonnen auf 30 Hektar, zählt GFKB-Feuerwerker Sven Fichte auf, der bei Neubrück die fachtechnische Aufsicht hat. Die Kampfmittel würden teilweise nur wenige Zentimeter von den Grundstückszäunen am Ortsrand entfernt liegen.
Schäden an Bäumen und Kosten
Graben würden er und seine Kollegen bis zu eineinhalb Metern tief. Zuvor sei bei einer Testfeldsondierung ermittelt worden, wo mit welchen Funden zu rechnen ist. Überraschungen habe es bisher nicht gegeben. Moose, Gräser, Farne und Sträucher werden bei der Räumung vollständig zerstört, auch Wurzeln der Bäume werden beschädigt. Das lasse sich nicht vermeiden, sagt Fichte. Die geschwächten Kiefern seien dann leichte Opfer für Forstschädlinge wie Prachtkäfer, die den Gehölzen schwer zusetzen. Schaden und Nutzen müssten gegeneinander abgewogen werden, sagt Falk Jagszent. In unmittelbarer Ortsnähe sei seiner Ansicht nach zweifellos die Sicherheit der Einwohner und Ausflügler an oberster Stelle.
Für die Umwelt sei eine Räumung langfristig von Vorteil, abgesehen von den relativ kurzfristigen Schäden an Flora und Fauna. Der Stahl der Granaten und Bomben werde nämlich allmählich porös. Was dann aus den Geschossen in welcher Menge austritt und was es anrichtet, sei gar nicht richtig erforscht.
Voraussichtlich rund 2,5 Millionen Euro kostet die Bearbeitung der knapp 100 Fußballfelder bei Neubrück – etwa 35.000 Euro pro Hektar. Diese Summen seien ihm aus vergleichbaren Projekten bekannt, berichtet der Förster. Falk Jagszent rät davon ab, so etwas flächendeckend in der Seenplatte zu machen. Stattdessen empfiehlt er einen konkreten Räum- und Sondereinsatzplan zum Schutz von Ortschaften und Feuerwehrleuten. Ob das Thema mehr als 80 Jahre nach dem jüngsten Weltkrieg in den nächsten Kreistag der Mecklenburgischen Seenplatte schafft, ist noch unklar. Die BSW-Fraktion hat einen entsprechenden Beschlussvorschlag in Umlauf gebracht, der aber in den Fachausschüssen auf Kritik stieß. Der Kreistag kommt am 5. Oktober das nächste Mal zusammen.