Pflege-Sozialhilfe: Tochter kämpft für Würde ihrer Eltern
Pflege-Sozialhilfe: Tochter kämpft für Würde ihrer Eltern

Sabine Bauer, Krankenschwester aus Below bei Dobbertin, hat in einer Nachtschicht ihrer Frustration Luft gemacht: Sie prangert den Umgang der Gesellschaft mit pflegebedürftigen Menschen an. Ihre Eltern, der 94-jährige Vater Bernhard Roloff und die 85-jährige Schwiegermutter Brigitte Brauer, sind auf Sozialhilfe angewiesen, obwohl sie ihr Leben lang gearbeitet und Steuern gezahlt haben.

Sozialhilfe trotz Lebensleistung

Der Vater, ein Tischlermeister, und die Schwiegermutter, eine Lehrerin, haben laut Sabine Bauer das Land mit aufgebaut, Kinder großgezogen und sich ehrenamtlich engagiert. Heute sind beide dement und pflegebedürftig. Bauer ist für beide die Bevollmächtigte. Ihr Vater lebt seit sechs Jahren in einer Seniorenresidenz in Lohmen, wo er gut versorgt wird. Nachdem sein Erspartes aufgebraucht war, beantragte die Tochter Hilfe zur Pflege.

Nun droht ein neues Problem: Durch die Rentenerhöhung zum 1. Juli 2026, die bei Roloff 53 Euro beträgt, wird seine Einkommensgrenze um 28,58 Euro überschritten. Der Landkreis Ludwigslust-Parchim hat den Leistungsbescheid teilweise aufgehoben und fordert eine Neuberechnung. Bauer befürchtet, dass die Zahlungen erneut eingestellt werden könnten – wie bereits im März 2025, als Außenstände von knapp 13.000 Euro aufliefen.

Kritik an Gutachtern und Kostenträgern

Die 55-Jährige berichtet von einem Gutachter, der ihren Vater eine Stunde zu früh besuchte und sich dessen Aussagen zur Selbstständigkeit anhörte, die nicht der Realität entsprachen. Sie kritisiert gezielt geschultes Personal, das mit Fragetechniken versuche, Pflegebedürftige zu lenken. „Den Menschen in seiner Bedürftigkeit haben die Verwaltung und ihre ausführenden Organe, also Begutachter und Sachbearbeiter, leider seit Langem aus den Augen verloren“, so Bauer.

Ihre Schwiegermutter, die seit Sommer 2024 an Demenz erkrankt ist, lebt in einer Demenz-WG in Lübz und hat Pflegegrad 5. Nach einem Sturz ist sie weitgehend immobil. Der Landkreis und der Kommunale Sozialverband verweigern laut Bauer individuelle Betreuungsleistungen, obwohl sie im Pflegegutachten dokumentiert seien. Die Ersparnisse der Seniorin sind bereits aufgebraucht.

Hoffnung auf mehr Herz in der Pflege

Bauer hat Widersprüche eingelegt und für die Schwiegermutter den Klageweg beschritten – bisher vergeblich. Auch die Fachaufsicht im Landessozialministerium habe abgewiegelt. Ihr Schreiben hat sie an die Landtagsfraktionen, Abgeordnete, die Gesundheitsministerin und den Bürgerbeauftragten Silvio Witt geschickt. Die Ministerin erklärte, alles laufe ordnungsgemäß.

Dennoch will Bauer weiterkämpfen. Ab Herbst legt sie einen neuen Aktenordner für die Schriftwechsel an. Ihre nächtliche Niederschrift endet mit dem Wunsch, Entscheidungsträger mögen so entscheiden, als ginge es um die eigene Mutter oder den eigenen Vater – „mit etwas mehr Herz und etwas mehr Bewusstsein über die Tragweite seiner täglichen Arbeit“.