Die 25-jährige Speerwerferin Julia Ulbricht vom 1. LAV Rostock hat bei den Leichtathletik-Europameisterschaften in Birmingham sensationell die Silbermedaille gewonnen. Mit 61,53 Metern im ersten Durchgang sicherte sie sich den zweiten Platz hinter der Kroatin Sara Kolak, die mit 62,43 Metern Europameisterin wurde.
Überraschungscoup im Finale
Ulbricht, die als Qualifikationszweite ins Finale gegangen war, nutzte ihre Chance und warf bereits im ersten Versuch ihre Bestweite. Dabei blieb sie nur fünf Zentimeter unter ihrer persönlichen Bestleistung von den Deutschen Meisterschaften in Wattenscheid. „Ich habe das noch gar nicht richtig realisiert, bin sprachlos und weiß gar nicht richtig, was ich sagen soll. Natürlich bin ich stolz, dass ich es geschafft habe. Doch irgendwie fühlt es sich noch surreal an. Ich werde bestimmt ein paar Tage brauchen, um zu verstehen, was mir hier gelungen ist“, sagte Ulbricht.
Trotz des Erfolgs war die Rostockerin nicht ganz zufrieden mit ihren Würfen: „Richtig zufrieden bin ich mit den Würfen nicht. Da war jetzt kein richtig guter Versuch dabei. Ich merke, dass ich eigentlich noch ein bisschen mehr draufhabe und wollte eigentlich weiter werfen. Aber mit Silber kann man eigentlich nicht enttäuscht sein.“
Trainer mit Vorahnung und Extra-Motivation
Ihr Coach Mark Frank, ein ehemaliger Weltklasse-Speerwerfer, hatte eine Vorahnung. „Mark hat zu mir gesagt, dass sich das Zeremonie-Kit einpacken soll. Ich habe nur erwidert, dass ich dafür keinen Platz in meiner Tasche habe und er es mitnehmen muss. Zum Glück hat er es eingepackt“, erzählte Ulbricht. Gemeinsam hatten sie nach der Qualifikation einen Plan fürs Finale ausgearbeitet. „Dabei haben wir schon ein wenig mit einer Medaille geliebäugelt, hatten aber eher an ungefähr 63 Meter und Bronze gedacht. Doch es ist eine Meisterschaft, die haben meist ihre eigenen Regeln und jede Werferin muss erst einmal ihre Leistung abrufen“, sagte Frank.
Am Tag zuvor hatte sich Ulbricht zusätzliche Motivation geholt, als sie den Männerwettkampf live im Stadion verfolgte, bei dem Julian Weber im letzten Durchgang über 90 Meter warf und sich den Titel sicherte. Beide kennen sich gut und trainierten von 2018 bis 2020 gemeinsam in Rostock unter Mark Frank. „Das war schon eine überragende Stimmung und Atmosphäre, die einfach Lust auf mehr und den Wettkampf gemacht hat“, so Ulbricht.
Olympia-Traum rückt näher
Der Silbererfolg ist besonders wertvoll nach schwierigen Jahren, in denen Ulbricht zeitweise mit dem Gedanken spielte, den Speer in die Ecke zu werfen. „Es war nicht immer einfach. Aber es hat sich gelohnt, dass wir drangeblieben sind. Ich habe immer noch diesen Traum, dass ich einmal bei Olympia starten möchte. Den möchte ich mir erfüllen“, sagte sie. Durch die Silbermedaille rückt sie in den Status eines Olympia-Kaders auf und erhält damit wieder volle Sportförderung, die sie seit einigen Jahren nicht mehr genossen hatte.
„Das hat sich Julia mit ihrer Medaille verdient. Sicherlich wollten wir noch ein bisschen weiter werfen. Sie hat auch mehr drauf. Aber nach den ganzen Entbehrungen in den vergangenen Jahren soll sie jetzt auch erst einmal den Erfolg genießen“, sagte Mark Frank. In dieser Saison stehen für Ulbricht noch einige Wettkämpfe an. Sie hofft auf einen Startplatz beim Diamond-League-Meeting in Lausanne am Freitag, 21. August. „Dafür habe ich aber eine Managerin, die sich darum kümmert“, so Ulbricht.