Ein kräftiger Ruck am dicken Tau, das Körpergewicht voll eingesetzt – und nach ein paar wirklich anstrengenden Zügen spannt sich das riesige weiße Segeltuch hoch gen Himmel auf. Auf der 35. Hanse Sail in Rostock braucht es an Bord der „Wylde Swan“ keineswegs „nur“ jahrzehntelange See-Erfahrung, um mitzuhelfen. Philipp Speelmann, gerade einmal acht Jahre alt, zeigte bei einer der zahlreichen Ausfahrten während der Sail, wie man auch als Achtjähriger anpackt wie ein gestandener Matrose. Und der kleine Mann hatte daran sichtlich großen Spaß.
Ein Achtjähriger entdeckt das Segeln
„Ich fand das gut, weil man viele neue Sachen lernen konnte“, meint der Achtjährige und erklärt: „Ich habe an den großen Seilen gezogen, damit das Segel aufgeht. Dann wird das auseinandergezogen und wir mussten loslassen und kurbeln, damit es sich spannt.“
„Wir“, sagt er, weil alle an Bord der „Wylde Swan“ mithelfen durften. Das ist kein Zufall, sondern generelles Konzept des Schoners. Mit 62 Metern Länge, 43 Metern Masthöhe und 1130 Quadratmetern Segelfläche ist die „Wylde Swan“ der größte Zweimast-Topsegelschoner der Welt.
Die Geschichte der „Wylde Swan“
Das 1920 auf der Kieler Werft Deutsche Werke AG (heute HDW) als dampfgetriebener Fischereitrawler „Bromberg“ gebaute Schiff erhielt 1925 eine Rumpfverlängerung, wechselte in den Folgejahren mehrfach Namen, Heimathäfen und Eigentümer und wurde 2010 zum Topsegelschoner für Sail-Training umgebaut.
Unter dem Dach von Swan Expeditions und Teil der niederländischen Masterskip-Flotte dient sie seit den 2010er-Jahren jeweils in den Wintermonaten als schwimmende Segelschule und fährt monatelang mit jungen Trainees durch die Karibik. Jugendliche leben hier den europäischen Winter über auf See, haben derweil „normal“ Schule, angeleitet von professionellen Lehrkräften, und erlernen beim Leben auf dem Schiff ganz praktisch das Segeln.
Gäste übernehmen das Ruder
Zwischen Juni und Oktober, in den Sommermonaten, kreuzt der Schoner in europäischen Gefilden. Hier öffnet er sein Deck für Tagesgäste, Teambuilding- oder Traditionsevents, wie etwa während der Hanse Sail. Die Crew der „Wylde Swan“, wie sie zur 35. Hanse Sail zu erleben ist, besteht größtenteils aus ehemaligen Trainees.
Sie haben das Segeln in der Karibik erlernt und sammeln nun als sogenannte Deckhands, also reguläre Crewmitglieder, Seetage. Solche Tage auf See sind die Grundbedingung für das berufliche Vorankommen in der Hierarchie auf See.
Unter der Regie von Kapitän Jeroen Peters und seiner jungen Crew wurden die Gäste der Ausfahrt am Sail-Donnerstag, 6. August, von der ersten Minute an aktiv mit eingebunden. Urlauber Norbert Möllersmann zum Beispiel stand am Steuerrad.
Zugetraut hat er sich den Job am Steuer, weil er früher schon kleinere Jollen gesteuert hatte. Die Verantwortung für den riesigen Schoner allerdings verlangte ihm einige Konzentration ab: „Der Kapitän hat eine Anweisung gegeben, die ich an einem kleinen Bildschirm auch gesehen habe“, erklärt er. „Mal fünf Grad, mal zehn Grad in die eine oder andere Richtung. Und wenn man das erreicht hat, musste das dem Kapitän dann bestätigt werden.“
Das Navigieren war echte Feinarbeit: „Nachher hat man das so in etwa raus“, so Möllersmann. „Aber das war schon schwierig, denn das Schiff reagiert sehr träge. Unter Segel sogar noch mehr.“
Segeln fordert Technik statt Kraft
Auch für Mama Speelmann, Philipps Mutter Ivonne, wurde der Törn zu einer echten sportlichen Herausforderung. „Ich fand es total spannend“, sagt sie, „aber ich war total überrascht, wie anstrengend das ist.“ Eines der Crewmitglieder habe ihr dabei einen wertvollen Trick verraten: „Ich muss gar nicht nur Kraft haben“, sagt sie. „Ich muss mich nur mit dem ganzen Körper reinwerfen.“
Auch andere Tricks, wie etwa das richtige Schwungholen oder Festzurren von Seilen und Tauen, wurden während der Ausfahrt vermittelt. Mit Blick auf die junge Crew, zumeist noch unter 20 Jahren alt, will sie vor allem eines zum Ausdruck bringen: „Respekt!“