Ein kalter Schauer kann einem auf der 35. Hanse Sail den Rücken hinunterlaufen, wenn Gevatter Tod höchstpersönlich in schwarzer Kutte und mit Sense durch die Budenreihen entlang der Kaikante am Stadthafen streift. An seiner Seite: die Rostocker Kanoniere, angeführt von Sprecher René Görner.
Kanoniere salutieren mit Kanonenschüssen
Görner erklärt, warum er „böllert“ und mit dem Tod über das größte Traditionsseglertreffen Europas zieht. „Keine Sorge, der holt niemanden ab“, sagt er lachend. „Der passt nur auf, dass wir beim Böllern keinen Unsinn machen.“
Gemeint sind die regelmäßigen Kanonenschläge, die die Aus- und Einfahrten der Traditionssegelschiffe begleiten. Die Kanoniere pflegen das maritime Brauchtum und demonstrieren traditionelles Schießen. Salutiert wird mit Kanonenschüssen an der Mole, wenn ein Traditionssegler die Feuer passiert. Pro Einsatztag fallen dabei rund 50 bis 60 Kilogramm Schwarzpulver an.
„Knall und Rauch“ aus den Rohren
Angst, dass jemandem eine Kanonenkugel auf den Kopf fällt, müsse niemand haben, so Görner. „Da kommt nur ‚Knall und Rauch‛ aus den Rohren.“ Geböllert wird am Sail-Samstag ab 15 Uhr sowie am Sonntag zwischen 10 und 12 Uhr.
„Die Seefahrt war früher ein verdammt gefährliches Pflaster“
Warum die Kanoniere verkleidet an der Seite des Todes unterwegs sind? „Die Seefahrt war früher ein verdammt gefährliches Pflaster“, erklärt Görner. „Wenn die Kanonen dröhnten, war der Tod nie weit weg.“ Die Rostocker Kanoniere nähmen diese Geschichte ernst – „aber uns selbst eben nicht zu sehr“, scherzt er.
Im vergangenen Jahr hatten sie den Tod und einen Beichtstuhl dabeigehabt, was gut ankam. In diesem Jahr verteilt der Tod „Totenscheine“. Auf dem bedruckten Urkundenpapier steht mit Name und Datum: „Ich habe heute den Tod in Rostock getroffen. Er wollte mich nicht.“