Dem Doberaner Klosterverein ist ein Sensationsfund gelungen: In der polnischen Stadt Pelplin sind zwei bislang unbekannte Predigten des Kirchenvaters Augustinus aufgetaucht. Paul Nebauer entdeckte die Texte in einem Konvolut mittelalterlicher Schriften aus dem Kloster Doberan. Nach fast zweijährigen Untersuchungen bestätigten Latinisten die Echtheit der Stücke. Über den Fund berichtete am 9. Juli 2026 bereits die Vatikanzeitung L’Osservatore Romano.
Augustinus lebte zwischen 354 und 430, war Bischof von Hippo in Nordafrika und gilt als einer der vier lateinischen Kirchenväter. Dass seine Werke in einem 1171 gegründeten Zisterzienserkloster an der Ostsee landeten, erklärt sich durch die Abschreibetradition: Mönche kopierten in Skriptorien Texte für die Klosterbibliothek. Als die Zisterzienser ein Tochterkloster in Pelplin gründeten, gelangten mit den Mönchen auch Schriften aus dem Doberaner Bestand dorthin. „Das war uns nicht neu, wir wussten, es gibt sechs aus Doberan stammende Werke in Pelplin“, sagt Paul Nebauer.
Rote Tinte führte zur Entdeckung
Nebauer, Mathematiker und Mitglied im Klosterverein, reiste im Herbst 2023 gemeinsam mit Dietmar Schulze nach Pelplin in der Woiwodschaft Pommern. In der dortigen Diözesanbibliothek lagern mehr als 1700 Seiten Pergament. Weil eine vollständige Lektüre unmöglich war, fertigten die beiden rund 3000 Fotos an. „Das kann man natürlich gar nicht alles in kurzer Zeit lesen“, sagt Nebauer.
Beim Durchsehen fiel ihm auf der Vorderseite von Blatt 14 eines Codex der in roter Tinte geschriebene Vermerk „Sermo.s.augustini“ ins Auge, dazu die Worte „Phytonissa“ und „Samuel“. Im Alten Testament bittet König Saul in 1. Samuel 28 die Hexe von Endor – die Phytonissa –, den Geist Samuels zu beschwören. „Das ist eine spannende Geschichte“, erklärt Nebauer. „Saul hatte das Wahrsagen verboten, doch nun ist er in Not, weil Gott seine Gebete nicht mehr hört.“
Würzburger Professor bestätigt Echtheit
Da Nebauer selbst kein Altphilologe ist, bat er die Universität Würzburg um Übersetzung. Professor Dr. Christian Tornau, Inhaber des Lehrstuhls für klassische Philologie, nahm sich der Sache an. „Da gab es Skepsis hoch 3“, erinnert sich Nebauer. Tornau stellte fest: Unter den sechs Augustinus-Predigten aus Pelplin befinden sich zwei unentdeckte Texte – eine Sonntags- und eine Mittwochspredigt zur Bibelstelle 1. Samuel 28.
„Das stößt an die Grenzen des christlichen Glaubens“, sagt Nebauer. In der Sonntagspredigt präsentierte Augustinus den Gläubigen die Bibelstelle, in der Mittwochspredigt gab er Auslegungsoptionen. Der Bischof entließ die Gemeinde also mit eigenen Gedanken – genau diese Optionen erkannte der Würzburger Philologe Tornau als typisch für Augustinus.
Gemeinsam mit Dr. Clemens Weidmann vom Editionsunternehmen Corpus Scriptorum Ecclesiasticorum Latinorum (CSEL) unterzog Tornau die Texte einer fast zwei Jahre dauernden philologischen Analyse. Im Herbst 2025 diskutierten europäische Latinisten in Wien über die Echtheit. Am Ende stand die Bestätigung: Beide Predigten stammen wirklich von Augustinus.
Ein Fund von Seltenheitswert
„Das ist eine Entdeckung, die kommt vielleicht alle 15 bis 20 Jahre einmal vor“, freut sich Paul Nebauer. Für den Klosterverein sei das Ergebnis eine wunderbare Bestätigung der Archivarbeit der zurückliegenden Jahre.
Die Forscher bemühen sich, das einstige Schriftgut des Klosters wenigstens als Kopie wieder zusammenzutragen. Die mittelalterliche Klosterbibliothek in Doberan ist nicht erhalten. Ein Visitationsprotokoll von 1552 verzeichnet noch viele Bände. Nebauer vermutet, dass die Handschriften im Dreißigjährigen Krieg verloren gingen. Besitzeinträge machen die Herkunft nach Doberan verfolgbar.
Verbindung zum Mutterkloster Amelungsborn
Möglicherweise wurden die Augustinus-Texte von Handschriften aus dem Doberaner Mutterkloster Amelungsborn in Niedersachsen abgeschrieben. Ein Hinweis deutet darauf hin, bestätigen lässt es sich jedoch nicht: Die dortige Klosterbibliothek verbrannte während des Dreißigjährigen Krieges.
Augustinus im Doberaner Münster
Der Kirchenvater hat noch eine sichtbare Verbindung nach Doberan: Im südlichen Seitenschiff des Münsters zeigt die Mitteltafel eines Altars von 1410 eine Sakramentsmühle. Das spätmittelalterliche Kunstmotiv stellt ein Mahlwerk dar, das das Wort Gottes in Brot beziehungsweise den Leib Christi verwandelt. Die vier Evangelisten schütten Spruchbänder mit alttestamentlichen Texten in den Mühlentrichter, zwölf Apostel drehen die Kurbel. Die Kirchenväter Gregor der Große, Hieronymus, Ambrosius von Mailand und Augustinus von Hippo halten einen Kelch, in den ein Spruchband fällt: „… und das Wort ward Fleisch …“