5 Prozent Sehkraft, 100 Prozent Lebensfreude: Valentina und ihr Pudel Flocke
Valentina und Pudel Flocke: Lebensfreude im Puschi 15

Valentina Demir hat im Puschi 15, dem neuen Treff in der Puschkinstraße 15, ein zweites Wohnzimmer gefunden. Fast täglich ist sie dort. Mit dabei: ihr Königspudel Flocke, den sie als „Köder“ nutzt, um andere Schweriner in den Treff zu locken. „Seit Corona leben viele von uns in ihrer Freizeit ganz schön zurückgezogen und einsam“, glaubt Valentina. „Zeit, aus dem Corona-Koma zu kommen.“

Ein Treff für die Nachbarschaft

Hinter dem Nachbarschaftstreff für die Schelf- und Altstadt steckt der Grünen-Landtagskandidat Sebastian Hüller, der den Ort bewusst nicht nur als Wahlkampfbüro nutzen möchte. Bei schönem Wetter stehen die Türen offen. Valentina wird oft von Passanten gefragt: „Wohnen Sie hier? Lassen Sie deshalb die Türen auf?“ Heute hat sie Brötchen mitgebracht und Mal- und Bastelsachen für Jung und Alt ausgebreitet.

Die 62-Jährige würde auch gern anderen die Brailleschrift beibringen. „Die Blindenschrift ist für jedermann wie ein Gedächtnistraining“, sagt sie. „Eine Vitaminspritze fürs Gehirn.“ Für Kinder mit Hundeangst bietet sie Fremdhund-Gassigehen an, natürlich mit deren Eltern. Ihr Königspudel Flocke erobert schnell die ängstlichen Herzen. „Er mag es, wenn man ihn streichelt“, sagt Valentina. „Flocke möchte jedem gefallen.“

Leben mit Einschränkungen

Valentina kann kaum noch sehen. „Vorhin wurde ich wieder angepampt, weil ich es nicht schnell genug über die Straße geschafft habe“, sagt sie. „Aber mit Flocke an der Leine und meinem großen Steh-Rollator, den ich nehme, weil ich Arthritis habe, bin ich nun mal nicht so schnell.“ Normalerweise laufen Blindenhunde neben ihren Frauchen und Herrchen, doch Flocke spaziert an einer langen Leine voraus, damit andere am Rollator vorbeikommen. „Flocke muss auch nicht mehr so viel arbeiten, er ist elf Jahre alt und darf schon seinen Ruhestand genießen“, sagt Valentina schmunzelnd. „Er ist jetzt mein Begrüßungshund.“

Valentina ist nicht von Geburt an fast blind. Die Probleme begannen nach einem Unfall in der Kindheit. „Es war Kindertag. Wir hatten einen Zwergpudel bekommen. Ich musste zur Vorschule. Auf dem Weg dorthin hatte ich einen schweren Verkehrsunfall“, erinnert sie sich. Auch im Job als Kellnerin im Hotel Stadt Schwerin bereitete ihr das Sehen Probleme. „Ich war schüchtern und viel zu langsam, hatte Angst, etwas umzureißen oder falsch abzurechnen. Ich dachte mir, ich gehe zum Augenarzt und hole mir eine neue Brille. Aber es wurde nicht besser, sondern immer schlechter.“ Spaß machte ihr dann die Arbeit als Kassiererin im DDR-Konsum, nach der Wende folgte eine Umschulung zur Bürokauffrau.

Ein Ort der Begegnung

Valentina sagt, dass sie Opfer von Gewalt wurde. „Ich habe nur noch einen kleinen Sehrest“, sagt sie. „Beim rechten Auge habe ich einen Tunnelblick, links ist Matsch, da ist kaum noch was. Mein Gesichtsfeld ist kleiner als 5 Prozent.“ Sie zieht eine Simulationsbrille aus der Tasche, damit die Leute wissen, wie sie die Welt wahrnimmt. Was sie noch sieht, sind Umrisse und Bewegungen. Als draußen der Stadtrundfahrtbus vorbeifährt, winkt sie aus dem Fenster. „Das hab’ ich schon als Kind immer gemacht, wenn ich den Petermännchen-Bus gesehen habe.“

Valentina lebt mit vielen Einschränkungen, ist aber voller Power. Sie versucht, sich auf das Gute zu konzentrieren, und hat Spaß daran, Jung und Alt in den Puschi 15 zu locken. „Keiner mag sich heute mehr verbindlich verabreden“, sagt sie. „Bei so einem Treff muss man das nicht. Man kann einfach hineinspazieren. Die Türen sind offen, irgendjemand ist immer da.“ Und wenn man Glück hat, wedelt einem ein Königspudel zur Begrüßung entgegen.

Wer mehr über Valentina Demir erfahren möchte: Sie ist zu Gast im Podcast „Man müsste mal…“ von Andreas Lußky und Claus Oellerking, Titel „Raus aus dem Sicherheitsbereich“. Den Podcast gibt es auf Spotify, iTunes und podcast.de.