Binzer Seebrückenunglück 1912: 16 Tote und die Folgen
Binzer Seebrückenunglück 1912: 16 Tote

Am 28. Juli 1912 herrschte auf der Seebrücke in Binz Hochbetrieb. Hunderte Menschen drängten sich, manche Berichte sprechen von über 1.000 Besuchern. Sie warteten auf Ausflugsdampfer, beobachteten den Anleger oder blickten auf die Kriegsschiffe der Kaiserlichen Marine in der Prorer Wiek. Nach einem Sommermanöver lagen die Linienschiffe „Hessen“, „Preußen“, „Schlesien“ und „Pommern“ vor Anker. Marinepinassen, Bäderdampfer und Fischerboote brachten Besucher zu den Schiffen und zurück. Auf der Prinz-Heinrich-Brücke staute sich der Verkehr.

Der Einsturz der Landungsbrücke

Gegen 18.30 Uhr legte der Dampfer „Kronprinz Wilhelm“ an der Brücke an. Menschen gingen von Bord, andere wollten einsteigen, dazu kam Gepäck. Auf der unteren Anlegeplattform sammelten sich immer mehr Fahrgäste und Schaulustige. Dann brach ein sieben bis acht Meter langer Querbalken. Ein Teil der Landungsbrücke stürzte ins Meer und riss 70 bis 80 Menschen mit. Zeitgenössische Berichte schildern Schreie und Verwirrung. Während im Wasser um Halt und Luft gekämpft wurde, standen oben auf der Brücke zunächst viele, die nur zusehen konnten. Das Meer war an dieser Stelle mehrere Meter tief.

Schwimmkenntnisse und Rettung

Das Unglück traf auf eine Gesellschaft, in der nur wenige Menschen schwimmen konnten. Schätzungen gehen von zwei bis fünf Prozent der Bevölkerung aus. Noch seltener war Wissen darüber, wie Ertrinkende gerettet werden konnten, ohne den Retter selbst zu gefährden. Die Hilfe begann improvisiert: Leitern und Stangen wurden herangeschafft, vom Dampfer flogen Rettungsgürtel und Taue ins Wasser. Raketensignale forderten Unterstützung von den Kriegsschiffen vor der Küste an.

16 Tote und die Helden

Am Ende starben 16 Menschen. Acht Frauen, vier Männer und zwei Kinder ertranken noch am Abend. Zwei weitere Frauen erlagen in den Tagen danach ihren Verletzungen. In späteren Darstellungen tauchen teilweise andere Zahlen auf, die zeitnahen Berichte nennen jedoch diese Bilanz. Dass die Zahl der Toten nicht noch höher lag, war vor allem der schnellen Hilfe zu verdanken. Besatzungen der Kriegsschiffe eilten heran, Offiziere und Matrosen zogen Menschen aus dem Wasser, Marineärzte und Zivilärzte kümmerten sich um Verletzte und Bewusstlose. Unter den Helfern wird immer wieder Richard Römer genannt. Der 24-jährige Sergeant der Garde hielt sich ohne Urlaubsgenehmigung auf der Insel auf. Als die Plattform einbrach, sprang er ins Wasser. Eine Ausbildung als Wasserretter hatte er nicht. Nach späteren Berichten rettete Römer zwölf Menschen. Danach war er so entkräftet, dass er selbst beinahe ertrank. Im Frühjahr 1913 erhielt er dafür die Rettungsmedaille am Bande von Kaiser Wilhelm II.

Der Dampfer und die Brücke

Mit dem Unglück verbunden blieb der Name des Dampfers „Kronprinz Wilhelm“. Das 1910 gebaute Schiff legte an jenem Abend an der Brücke an, kurz bevor der Querbalken brach. Nach allem, was bekannt ist, traf den Dampfer keine Schuld am Einsturz. Trotzdem wurde die „Kronprinz Wilhelm“ später in Greifswald mit dem Unglück in Verbindung gebracht und mitverantwortlich gemacht. Der Liegeplatz des Schiffs wurde daraufhin wieder nach Warnemünde verlegt, von wo es ursprünglich stammte. Später fuhr der Dampfer unter dem Namen „Undine“ weiter. Er gilt als das älteste noch erhaltene Seebäderschiff Deutschlands, auch wenn heute nur noch ein Teil des Rumpfes vorhanden ist.

Die erste Binzer Seebrücke war 1902 gebaut worden und maß mehr als 500 Meter. Nach einem Sturmhochwasser 1905 wurde sie wieder aufgebaut und trug den Namen Prinz-Heinrich-Brücke. Der Brückenkopf war der Teil, an dem sich beim Anlegen der Dampfer besonders viele Menschen sammelten. Genau dort brach der Querbalken. Die Brücke wurde nach 1912 wiederhergestellt, blieb aber nicht dauerhaft erhalten. Im Winter 1942 zerstörten Eisgang, Wind und Wellen das Bauwerk. Die heutige Seebrücke entstand erst in den 1990er-Jahren und hat mit der Brücke von 1912 nichts mehr gemeinsam.

Folgen des Unglücks

Die Katastrophe blieb nicht auf Binz begrenzt. Zeitungen im ganzen Land berichteten darüber. Die Berichterstattung machte sichtbar, wie schlecht Deutschland damals auf Notfälle im Wasser vorbereitet war. Gut ein Jahr später, am 19. Oktober 1913, wurde in Leipzig die Deutsche Lebens-Rettungs-Gesellschaft gegründet, die heutige DLRG. Das Unglück von Binz gilt als äußerer Anlass dafür.