Auf einem Boot in der Mecklenburgischen Seenplatte will Astrid Kumbernuss am Sonntag mit ihrem Mann ein Glas Wein trinken – vielleicht einen edlen Tropfen. Der Anlass ist ein besonderer: Vor genau 30 Jahren, am 2. August 1996, wurde die Kugelstoßerin vom SC Neubrandenburg in Atlanta Olympiasiegerin.
Im Gespräch über diesen Sieg im Centennial Olympic Stadium kommt der heute 56-Jährigen ein Lächeln. „Das Krasse ist, dass das schon 30 Jahre ist, die Leute mich darauf aber immer noch ansprechen.“ Die Goldmedaille liegt im Safe; zu besonderen Anlässen nimmt sie die Athletin mit. „Die Leute wollen sie sehen“, sagt Kumbernuss. „Für mich ist es auch vom Aussehen her die schönste Medaille, die ich habe.“ Insgesamt gewann sie drei Goldmedaillen bei Weltmeisterschaften.
Favoritin mit Erfolgsserie
Als haushohe Favoritin war die Athletin des SC Neubrandenburg nach Atlanta gereist: 42 Siege in Folge hatte sie zuvor gefeiert. Diese Serie baute sie in den USA weiter aus. Schon in der Qualifikation wuchtete die von Dieter Kollark trainierte Kugelstoßerin die vier Kilogramm schwere Kugel auf 19,93 Meter – Bestweite im Feld der 25 Frauen. Im Finale fiel die Entscheidung im ersten Versuch: 20,56 Meter – das bedeutete Gold. Zweite wurde die Chinesin Sui Xinmei mit 19,88 Metern, Bronze ging an die Russin Irina Chudoroschkina mit 19,35 Metern.
Trainer Dieter Kollark war sich damals sicher, dass seine Athletin gewinnen würde. „Astrid hatte zu dem Zeitpunkt einfach keine Kontrahentin, der Abstand war ja bereits in der Qualifikation groß“, sagt er 30 Jahre später. Mit der Weite war der Coach jedoch nicht zufrieden. „Ich war enttäuscht, weil die 20,56 nicht ihrem Niveau entsprachen“, so Kollark. Auch die lange Anreise in die USA habe die Vorbereitung erschwert.
Ungewissheit nach Bombenattentat
Hinzu kam der Bombenanschlag am 27. Juli: Ein Mann, der als Aktivist der US-amerikanischen Terrororganisation „Army of God“ identifiziert wurde, zündete eine Rohrbombe. Zwei Menschen starben, Hunderte wurden verletzt. „Niemand wusste, ob die Spiele abgebrochen werden, das stand immer im Raum. Und unser Wettkampf war ja erst noch, wir haben jeden Morgen geschaut, ob der Abbruch kommt. Es war keine schöne Situation“, erzählt Dieter Kollark.
Astrid Kumbernuss beschreibt die Tage der Ungewissheit ebenfalls als schwierig. Am 2. August ließ sie den Ballast hinter sich und spricht rückblickend von einem Arbeitssieg. „Klar ist die Weite nicht so gut, ich hatte mehr drauf. Der Druck war aber schon groß, weil alle davon ausgegangen sind, dass ich gewinnen werde“, sagt sie.
Sonnenbrille und Trainingstagebuch
Erst kürzlich hat die Olympiasiegerin ihr altes Trainingstagebuch hervorgeholt. „Ich wollte einfach wissen, was ich vor Atlanta trainiert habe und war überrascht, wie hart und intensiv das damals gewesen ist“, blickt sie zurück. „Wir haben wirklich hart gearbeitet, aber es hat auch Spaß gemacht.“
Für Aufsehen sorgte Kumbernuss in Atlanta mit einer Sonnenbrille im Wettkampf – ungewöhnlich für eine Kugelstoßerin. „Das hatte nur pragmatische Gründe. Ich konnte einfach nicht gut genug sehen, hatte immer Probleme, meinen Trainer im Stadion zu finden. Da haben wir eine Brille machen lassen und die gleich mit Tönung“, erklärt sie.
Franka Dietzsch verpasst Edelmetall
Knapp ohne Medaille blieb Dieter Kollarks zweite Atlanta-Fahrerin: Diskuswerferin Franka Dietzsch wurde Vierte mit 65,48 Metern, während Ilke Wyludda (69,66) gewann. Auf Bronze fehlten der Neubrandenburgerin 16 Zentimeter. „Bei den Olympischen Spielen war Franka leider immer ein wenig vom Pech verfolgt“, sagt Kollark. Dietzsch wurde später dreimal Weltmeisterin.
Olympia-Bilanz für Mecklenburg-Vorpommern
Das deutsche Team gewann in Atlanta 20 Gold-, 18 Silber- und 27 Bronzemedaillen. Für Mecklenburg-Vorpommern holten neben Kumbernuss der Neubrandenburger Andreas Dittmer (Canadier-Zweier) und Ramona Portwich aus Rostock (Kajak-Vierer) Gold; Portwich kam im K2 zu Silber. Silber gewannen auch Peter Thiede aus Rostock, gebürtiger Ueckermünder und Steuermann im Ruderachter, sowie Wasserspringerin Annika Walter vom 10-Meter-Turm. Leichtathletin Grit Breuer (SCN) holte Bronze mit der 4x400-Meter-Staffel.
Empfang in der Heimat und Treue zum SCN
Kollark, mit 29 Medaillen bei Olympischen Spielen, Welt- und Europameisterschaften der erfolgreichste Leichtathletiktrainer seit der Wiedervereinigung, erlebte insgesamt fünf Olympische Spiele. Von Atlanta war er enttäuscht: „Das hat mich da alles nicht vom Hocker gerissen, schon die Stadt war nicht schön.“ Sydney, Athen und Paris hätten ihm besser gefallen.
Schön war 1996 dagegen der Empfang in Neubrandenburg: Hunderte Neubrandenburger empfingen die Olympioniken und Trainer auf dem Marktplatz vor dem damaligen Radisson-Hotel. „So viele Menschen. Es war sehr herzlich, das wird immer in Erinnerung bleiben.“ Diese Herzlichkeit und Zuneigung der Menschen in der Heimat trugen dazu bei, dass Kumbernuss, Dietzsch und Kollark dem SC Neubrandenburg treu blieben. Ein Angebot des TSV Bayer Leverkusen hatten sie schon vor den Spielen abgelehnt. „Das war ein wirklich gutes Angebot, aber wir haben uns dann entschieden, es nicht zu machen“, sagt Kollark. Alle drei sind bis heute für den SC Neubrandenburg tätig.
Im November 1996 erhielt Astrid Kumbernuss für ihren Olympiasieg von Bundespräsident Roman Herzog das Silberne Lorbeerblatt.