Bundesbildungsministerin Karin Prien (CDU) hat auf dem Golm bei Kamminke auf der Insel Usedom die internationale Jugendbegegnung des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge besucht. Dort treffen sich derzeit Jugendliche aus Deutschland, Polen und der Ukraine. Die größte Kriegsgräberstätte Mecklenburg-Vorpommerns ist die Ruhestätte von mehr als 23.000 Opfern des Zweiten Weltkriegs, darunter viele Tote des Bombenangriffs auf Swinemünde vom 12. März 1945.
Aus Fremden werden Freunde
Jeweils acht Jugendliche aus den drei Ländern verbringen zwei Wochen gemeinsam in der Jugendbegegnungsstätte auf Usedom. Sie pflegen Gräber, diskutieren über Geschichte, kochen miteinander, fahren gemeinsam Fahrrad und verbringen ihre Freizeit zusammen. Die 16-jährige Carly aus Nordrhein-Westfalen ist beeindruckt, wie viele Menschen hier begraben sind und wie oft dieselben Namen vorkommen. Valentina aus Dresden ist bereits zum zweiten Mal dabei: „Wenn man mit Jugendlichen aus der Ukraine und aus Polen spricht, versteht man vieles viel besser. Geschichte wird hier anschaulich.“
Für die ukrainischen Jugendlichen bedeutet die Begegnung noch mehr. Sie erleben zwei Wochen fernab des Krieges. Auf die Frage, welches Land eines Tages vielleicht als viertes hinzukommen könnte, fällt auch der Name Russland. Eine Teilnehmerin antwortet leise, aber bestimmt: „Im Moment ist das keine gute Idee. Russland ist der Aggressor. Jeden Tag hören wir Luftalarm, Raketen und Drohnen. Wir leiden jeden Tag.“
Aus Schicksalen lernen
Die Jugendlichen beschäftigen sich unter anderem mit dem Schicksal von Mieczysław Boniecki. Er wurde 1927 in Polen geboren, 1942 vertrieb die deutsche Besatzung seine Familie vom eigenen Hof. Der damals 17-Jährige musste nach dem Bombenangriff auf Swinemünde Tote auf Lastwagen laden und in Massengräbern am Golm bestatten. Trotz allem entwickelte er keinen Hass auf die Deutschen und setzte sich später für Versöhnung ein.
Lernen mit Kopf, Herz und Händen
Projektleiter Vinzenz Kratzer vom Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge sagt: „Anhand von Kriegsgräberstätten wollen wir Krieg, Diskriminierung und Antisemitismus für Jugendliche begreifbar machen.“ Im Mittelpunkt stünden Lebensgeschichten, nicht abstrakte Jahreszahlen. Workshops wechseln sich mit praktischer Arbeit auf der Kriegsgräberstätte ab. Die Idee zur trilateralen Begegnung entstand 2022 nach dem russischen Angriff auf die Ukraine. Seit 2023 treffen sich jeden Sommer Jugendliche aus den drei Ländern auf Usedom.
Besuch der Bundesbildungsministerin
Karin Prien nahm an einem Workshop teil und diskutierte mit den Jugendlichen über Demokratie, Diktatur und Verantwortung. Sie sagte: „Die internationale Jugendbegegnung trägt in besonderem Maße dazu bei, das Verständnis zwischen den Völkern zu stärken.“ Es sei bedrückend, an einem Ort wie diesem zu stehen, aber auch ein starkes Zeichen, dass junge Menschen aus drei Ländern gemeinsam an historischen Themen arbeiten und Freundschaften schließen. „Das Heldentum beginnt nicht erst beim großen Widerstand. Es beginnt in der kleinen Tat im Alltag.“
Ein Ort, der Hoffnung macht
Katharina Feike von der Jugendbegegnungs- und Bildungsstätte beobachtet, dass immer mehr Grundschulen zu ihnen kommen, weil Kinder durch die Bilder aus der Ukraine wissen wollen, was Krieg bedeutet. Rund 2700 Kinder, Jugendliche und Erwachsene besuchen jedes Jahr die Einrichtung. Als die Jugendlichen den Golm am Nachmittag verlassen, nehmen sie die Geschichte von Mieczysław Boniecki mit – eines Mannes, der auf Versöhnung statt auf Hass setzte – und neue Freundschaften. Über den Gräbern der Vergangenheit wächst an diesem Sommertag ein kleines Stück europäische Zukunft.