Blicke am Badestrand: Warum mich das Starren einer Frau so nervt
Blicke am Badestrand: Warum mich das Starren nervt

Mit seinen beiden Kindern war Martin Trotz an einem Strand am Tollensesee. Ein Ehepaar saß am Ufer. Die Frau schaute durch ihre Sonnenbrille deutlich in ihre Richtung. Anfangs dachte er, sie finde seine Kinder vielleicht drollig, wie sie am Ufer lang hopsen. Doch mit stetigem Starren wuchs das Unbehagen. Sie ließ nicht ab mit ihren Blicken.

Unangenehme Situation beim Anziehen

Unangenehm wurde das besonders, als eines seiner Kinder nicht wollte wie er. Es ging ums Anziehen nach dem Baden. Mehreren Aufforderungen von der Bank aus, auf der sie sich samt abgestreiften und ausgebreiteten Klamotten postiert hatten, kam die Lütte nicht nach. Er holte sie, die Kleine quengelte natürlich. Der Mann starrte aufs Wasser, die Frau drehte ihren Kopf von links nach rechts, um über ihre Schulter hinweg weiter das Geschehen zu beobachten.

Er war endgültig genervt. Nicht von seiner Tochter, sondern von dieser Frau. Interesse und Neugierde – klar. Aber mit dieser permanenten Penetranz? Er überlegte ernsthaft hinzugehen und sie zu fragen, ob sie sich gut unterhalten fühlt. Er ließ es, wollte vor Ort nicht noch eine Baustelle für sein Nervenkostüm öffnen.

Warum dieses Beobachten?

Stattdessen fragte er sich innerlich, woran dieses permanente Beobachten wohl lag. Sind es die Erinnerungen an die eigenen Kinder gewesen und die Zeitreise in die Jahre, als die mal klein waren und sich womöglich ähnlich verhielten? Seine eigene Vermutung in dem Moment war eher eine böswilligere Unterstellung: Ist es immer noch so besonders, wenn ein Vater mit zwei kleinen Kindern unterwegs ist und sich um sie kümmert? Fragte sie sich schlicht, wo wohl die Mutter ist? Oder war es für sie wirklich eine Art Unterhaltung zur besten Sendezeit in der Realität?

Das Ganze fällt ihm bei aller Liebe nicht zum ersten Mal auf. Auch in ihrem Ostseeurlaub am Südostzipfel Rügens vor wenigen Jahren und als die Kinder erst knapp drei und ein Jahr alt waren, fiel ihm das auf. Als sie das Restaurant enterten und im Freiluft-Bereich Platz nahmen, gab es direkt strafende Blicke von mehreren Leuten. Ja, Kinder sind aktiv und auch mal lauter. Sollten sie die Kids mit allen Mitteln ruhig stellen?

Was ihm damals wie heute auffiel: Es ist die Generation seiner Mutter, die besonders gern schaut. Die Frauen und Mütter der Boomer-Generation. Ziehen sie den Vergleich, wie (schlecht?) es heute gemacht wird oder wundern sich wirklich (positiv?), dass sich Väter heute womöglich mehr beteiligen?

Ländliche Neugier und alte Rollenbilder

Fällt es ihm besonders auf, weil er in Mecklenburg-Vorpommern lebt? Hier kennt man den Spruch: „Was der Bauer nicht kennt, das frisst er nicht.“ Abgewandelt könnte es in seinem Fall also lauten: „Was der Bauer nicht kennt, das guckt er sich erst mal an.“ In kleineren Städten und ländlichen Regionen wird natürlich mehr beobachtet als anonym in der Großstadt, damit muss auch er leben. Nicht immer aus Bosheit, oft einfach aus Gewohnheit und Neugier. Und jeder weiß in seiner Heimat (spätestens über ein, maximal zwei Ecken) über den anderen Bescheid. Von seiner Straße sagt man, sie habe Ohren.

Vielleicht steckt hinter diesen Blicken aber auch gar keine alleinige Erklärung. Ein bisschen Neugier, ein bisschen Nostalgie, ein bisschen stilles Urteilen – und vielleicht auch ehrliche Anerkennung dafür, dass Väter heute selbstverständlich allein mit ihren Kindern unterwegs sind. Er weiß es letztlich nicht. Die Generation seiner (Groß)eltern hat Familie oft anders erlebt: Der Vater war häufig der Ernährer, die Mutter organisierte den Alltag mit den Kindern. Wer dieses Rollenbild jahrzehntelang verinnerlicht hat, schaut vielleicht einfach länger hin, wenn es heute anders aussieht.

Appell: Mehr miteinander sprechen

Trotzdem bleibt für ihn die Frage: Warum wird aus einem flüchtigen Blick ein stetiges, minutenlanges Beobachten? Denn Interesse ist das eine, jemanden zum unfreiwilligen Alleinunterhalter zu machen, das andere. Lieb gemeint: Sprecht doch lieber (wieder) mehr miteinander!