Kriegsdienstverweigerung: 76-Jähriger berät in Neustrelitz
Kriegsdienstverweigerung: Beratung in Neustrelitz

Seit Anfang des Jahres gilt das neue Wehrdienstgesetz, und die Bundeswehr verschickt Fragebögen an junge Menschen. Bereits im Februar hat Bernd Kehrer von der Deutschen Friedensgesellschaft – Vereinigte KriegsdienstgegnerInnen (DFG-VK) im Borwinheim in Neustrelitz eine Beratungsstelle für Kriegsdienstverweigerer eingerichtet. Der 76-jährige ehemalige Offiziersanwärter und langjährige Friedensaktivist erklärt im Gespräch, warum die Beratung nötig ist und wie das Verfahren abläuft.

Warum Beratung trotz einfachem Verfahren?

Das Verfahren der Kriegsdienstverweigerung ist derzeit zwar recht einfach, trotzdem kann ohne Beratung schnell etwas falsch laufen. Dann müssen die jungen Männer in den Widerspruch gehen. Man muss eben richtig begründen, warum der Dienst an der Waffe abgelehnt wird. Ein bloßer Hinweis auf Gewissensgründe, wie es im Grundgesetz steht, genügt nicht.

Manche können den Kriegsdienst nicht mit ihrer Religion vereinbaren, andere wurden durch Berichte ihrer Großeltern geprägt oder haben Anti-Kriegsfilme gesehen. Den Weg darzustellen, der zur Entscheidung führte, ist wichtig. Es zählt nicht, wenn man nur keine Lust hat. Auch politische Gründe zählen nicht. Wer in die Beratung kommt, hat sich meist schon intensiver mit dem Thema beschäftigt.

Erste Anträge bewilligt, Wartezeiten steigen

Seit dem Angebot im Borwinheim wurden rund ein Dutzend Beratungen durchgeführt. Die Berater schauen gemeinsam auf die Anträge, schreiben aber nichts vor und bieten keine Rechtsberatung. Der Antrag ist bei der Bundeswehr einzureichen, die die Unterlagen zur Prüfung an das Bundesamt für Familie und zivilgesellschaftliche Aufgaben weiterleitet. Ein erster Antrag aus einer Beratung vom März wurde kürzlich nach etwa vier Monaten bewilligt. Die Tendenz ist jedoch, dass es zunehmend länger dauert, da die Zahl der Anträge zunimmt.

Bis zum 18. Juni 2026 hatte das Verteidigungsministerium rund 298.200 Fragebögen versendet, davon rund 153.200 an männliche Personen. 96 Prozent haben geantwortet, von denen rund 530 Interessierte für 2026 fest eingeplant wurden. Über klassische Bewerberkanäle gab es eine Zunahme um 24 Prozent, mit rund 11.000 Einstellungen bei rund 38.500 Bewerbungen. Beim Bundesamt für Familie und zivilgesellschaftliche Aufgaben wurden von Januar bis Ende Juni 5862 Anträge auf Kriegsdienstverweigerung gestellt – bereits mehr als im Gesamtjahr 2025 und höher als 2011.

Zivildienst-Pläne und Friedensarbeit

Der Bund arbeitet offenbar an Plänen für den Zivildienst und stellte Anfragen bei Verbänden. Kehrer betont, dass die Vorbereitungen nötig seien, aber der Platz in den Kasernen schon jetzt kaum ausreicht. Der Bundestag könnte eine Rückkehr zur Wehrpflicht beschließen, wie schnell das in der Praxis gelingt, könne er nicht bewerten. Die Bundeswehr wirbt massiv und soll die stärkste Armee Europas werden. Für die Friedensbewegung bedeutet das: Wenn sie sich vorbereiten, bereiten wir uns auch vor.

Die Friedensgesellschaft wächst und hat mit der Ortsgruppe Mecklenburgische Seenplatte eine zweite Gruppe im Landesverband gegründet. Neben Neustrelitz gibt es in Neubrandenburg Beratungen über das Büro der Partei Die Linke. Wünschenswert wäre ein Angebot in Waren. Am 18. August wird ein Info-Stand auf dem Neustrelitzer Markt präsent sein.

Beratungen finden jeden 1. und 3. Donnerstag um 15.30 Uhr im Borwinheim Neustrelitz, Bruchstraße 15, statt. Kontakt ist auch per Mail möglich. In Ostdeutschland gibt es weniger Erfahrungen mit Beratungsangeboten, aber Kehrers Kollege hat in den 1990er Jahren in Cottbus beraten. In seiner ersten Beratungsstunde war ein ehemaliger Bausoldat der NVA, der sich über das Thema austauschen wollte. Kehrer selbst verweigerte 1970 als Offiziersanwärter den Kriegsdienst, geprägt durch die Verbrechen im Vietnamkrieg, und engagierte sich später im Bundesvorstand der DFG-VK.