Mit dem lakonischen Satz „Ich liebe die Liebe, ne“ erklärte Lotte Reiniger einst in einem Fernsehinterview, warum sie in ihren Filmen „gern mal Liebesszenen“ aufnehme. Welch außergewöhnliche Persönlichkeit diese Frau nicht nur in der Kino-Geschichte, sondern auch in Liebesdingen war, wird in dem biografischen Roman „24 Bilder pro Sekunde“ lebendig, den Autorin Rike Reiniger jetzt samt Bildern und Filmausschnitten in Neubrandenburg vorstellt.
Wie die Schatten fliegen lernten
Die Namensgleichheit ist kein Zufall: Über zwei Generationen und mehrere „Ecken“ hinweg ist die Autorin (genauer: ihr Mann Frank Reiniger) mit ihrer Heldin verwandt. „Enger als der familiäre Bezug ist der seelische“, sagt sie über die leider weitgehend in Vergessenheit geratene Trickfilm-Pionierin (1899-1981), die sie dank einer Kiste voller nachgelassener Briefe noch von einer unerwarteten Seite kennenlernte.
Einige solche „Fundstücke“ nahm sie in den biografischen Roman auf, der flott, lebhaft und emotionsgeladen aus dem Leben der Lotte Reiniger erzählt: eines munteren Berliner Mädels, das sich schon als Kind für die filigrane Kunst des Silhouettenschneidens begeisterte. Das „Klipp Klapp“ ihrer Schere zieht sich durch eine ungewöhnliche Biografie.
Die war einer jungen Frau im frühen 20. Jahrhundert nicht gerade in die Wege gelegt. Doch Lotte Reinigers Fähigkeit, in der schwarzen Silhouette das Charakteristische einer Person zu zeigen und auf dem von unten beleuchteten Tricktisch Schattenfiguren mit raffiniert beweglichen Gliedern zum Fliegen zu bringen, fiel immer mal zur rechten Zeit den richtigen Leuten auf.
Ein Star lange vor Walt Disney
Schauspieler und Regisseur Paul Wegener zum Beispiel verpflichtete sie für die Zwischentitel seines Stummfilms „Der Rattenfänger von Hameln“, wo sie die berühmte Stoppbewegungstechnik (heute spräche man von Stop-Motion) verfeinerte. Fritz Lang wollte sie bei seinem Ufa-Epos „Die Nibelungen“ dabeihaben – was sie hinwarf, als er Unmögliches verlangte. Der Bankier und Film-Enthusiast Louis Hagen schließlich finanzierte ihr den Traum eines eigenen Langfilms.
So gingen „Die Abenteuer des Prinzen Achmed“, uraufgeführt vor 100 Jahren, als weltweit erster abendfüllender Animationsfilm in die Geschichte ein. Und die 27-jährige Deutsche machte international Furore – lange vor den Erfolgen eines gewissen Walt Disney.
Die Kunstszene ihrer Zeit führte sie in den folgenden Jahren zusammen mit berühmten Kollegen wie Bertolt Brecht und Kurt Weill, dem französischen Schauspieler Jean Renoir oder dem afroamerikanischen Sänger Paul Robeson, der sie launig „die einzige Regisseurin mit einer komplett schwarzen Besetzung“ nannte. International wirkt ihr Ruhm nach: Vor zwei Jahren – zu ihrem 125. Geburtstag – wurde Lotte Reiniger posthum für ihr Lebenswerk mit einem Annie Award gewürdigt, den Hollywood für herausragende Animationsfilme vergibt.
Liebe zu Frauen zwischen Glück, Schmerz und Angst
Doch Autorin Rike Reiniger – die auch als Theatermacherin schon mehrfach im Nordosten von sich reden machte und im Herbst die künstlerische Leitung der Vorpommerschen Landesbühne übernimmt – erfüllt nicht nur eine filmische Karriere mit Leben. Ihr Buch führt die Leser auch durch die Atmosphäre des Ersten Weltkriegs und der Inflationszeit, des aufkommenden Faschismus (dessen flapsige Unterschätzung mit Sätzen wie „Pöbeln können die gut, aber doch nicht regieren“ uns heute fatal bekannt vorkommt), der Emigration und schließlich der Nachkriegszeit in den Trümmern Berlins.
Vor allem aber gibt sie der Liebe im Leben ihrer Heldin Raum, die sich erst jetzt in den aufgefundenen Briefen offenbarte und – ungeachtet der Ehe mit dem Produzenten Carl Koch – von früher Jugend an Frauen galt. Höchstes Glück, tiefster Schmerz und größte Angst gehen da immer wieder einher in einer Zeit, als gleichgeschlechtliche Liebe unter Strafe stand.
Vom Jugendschwarm aus Schulzeiten über das zögerliche Verhältnis zur britischen Schriftstellerin Bryher bis zur erfüllenden Beziehung in der Nachkriegszeit: Die Liebe ist ein tragendes Motiv des biografischen Romans über eine Filmkünstlerin, die auch in ihrem Film „Der scheintote Chinese“ den, wie es sie selbst nannte, „ersten glücklichen Kuss zwischen zwei Männern im Kino“ platzierte. Die Neubrandenburger Buchvorstellung übrigens gehört zum Programm der CSD-Kulturwochen, die den ganzen August über stattfinden.
Rike Reinigers biografischer Roman „24 Bilder pro Sekunde“ ist erschienen im Klak Verlag Berlin (264 Seiten, 19,90 Euro, ISBN 978-3-911617-7). Vorstellen wird ihn die Autorin am 14. August um 17.30 Uhr im Brigitte-Reimann-Literaturhaus Neubrandenburg, Gartenstraße 6; Eine Anmeldung ist unter der Rufnummer 0395 5666778 oder per Mail an [email protected] möglich.