Walter Diesterhaupt, langjähriger Leiter des Neustrelitzer Salonorchesters, feiert in diesen Tagen seinen 90. Geburtstag. Seinen Ehrentag verbringt er nicht bei einem Kaffeekränzchen, sondern auf der Probe mit seinen Musikerkolleginnen und -kollegen. „Danach werden wir gemeinsam Essen gehen. Mit der Familie wird am Wochenende gefeiert“, sagt er. Eine Probe ins Wasser fallen zu lassen, fällt dem Musiker schwer.
Seit 1964 in Neustrelitz aktiv
Der gebürtige Potsdamer lebt und arbeitet seit 1964 in Neustrelitz. Er war Bratschist im Theaterorchester, bis dieses Anfang der 1990er Jahre aufgelöst wurde. Opern, Operetten, Sinfoniekonzerte und Musicals gehörten zum Repertoire. Mal standen die Musiker im Rampenlicht, oft saßen sie im Orchestergraben. Allein das Musical „My fair Lady“ wurde in seinen Anfangsjahren am Neustrelitzer Theater 75 Mal gespielt. „Der Saal war immer voll, oft standen die Leute sogar“, erinnert er sich.
Angelica Domröse, Eva-Maria Hagen und Dagmar Frederic verkörperten abwechselnd die Eliza Doolittle. „Die DDR hatte die Aufführungsrechte für drei Jahre gekauft. Darum wurde es in dieser Zeit an allen Bühnen des Landes rauf und runter gespielt“, sagt Diesterhaupt. Überdrüssig wurde ihm dieses Musical nicht, denn sein Salonorchester hat immer wieder Titel davon im Programm.
Begabung zum Arrangieren
Seine Begabung zum Arrangieren wurde in seiner Zeit am Theaterorchester oft benötigt. „Der DDR fehlten für manche Werke die Verlagsrechte. Da mussten dann aus der Klavierstimme alle anderen Stimmen für das Orchester abgeleitet werden. Das habe ich dann gemacht“, sagt er. Bis heute schreibt er fast täglich Noten und beschäftigt sich im Kopf mit neuen Arrangements für das Orchester, das er seit gut 20 Jahren leitet.
Johannes Groh, der das Orchester 1997 gegründet hatte, überredete den Musiker zur Mitarbeit. „Ich war inzwischen in Rente und spielte in kleinen Formationen.“ Für das Salonorchester – das sich anfangs Rentnerband nannte – war das Multitalent eine große Bereicherung, erinnert sich Groh. „Walter spielt Geige, Bratsche, Klavier, Saxofon und Schlagzeug. Und er kann Stücke arrangieren.“ Mittlerweile hat Diesterhaupt dem Orchester weit mehr als 300 Titel auf den Leib geschrieben. „Jedes Jahr gibt es ein neues Programm. Wir wollen unser Publikum ja nicht langweilen“, sagt er.
Frühe musikalische Prägung
Sein Vater hat ihm die Musik in die Wiege gelegt. Der war Schuhmacher und spielte Trompete in einem Laienorchester. Für seinen Sohn ging es nach der Schule mit 15 Jahren zur Musikausbildung nach Berlin und Potsdam und schließlich für sechs Jahre ans Konservatorium nach Rostock. „Ursprünglich habe ich Geige gelernt. Aber am Konservatorium riet man mir zur Bratsche. Das entspreche meinem Charakter, hieß es.“
Walter Diesterhaupt ist ein Kriegskind. Wenn er auf seine 90 Lebensjahre zurückblickt, schieben sich immer öfter die Erinnerungen an die Bombennächte in den Vordergrund. „Berlin wurde angegriffen, wir mussten fast jeden Tag in den Luftschutzkeller“, erinnert er sich. Das Datum, als bei einem Angriff das Mietshaus in der Leipziger Straße 66 in Potsdam von einer Bombe zerstört wurde, vergisst er nie. „Das war am 14. April 1944, und es war ein Schock. Überall Rauch und Feuer. Der Schlachthof gegenüber war auch getroffen. Es roch nach verbranntem Fleisch. Wir hatten kein Zuhause mehr und kamen in den Beelitzer Lungenheilanstalten unter. Später konnten wir zurück nach Potsdam.“ Mit seinen Kindern war er kürzlich wieder in seiner alten Heimat. „Ich kenne Potsdam auch wie es vor dem Krieg war. Die Stadt ist wieder wunderschön geworden“, sagt er.
Dreh- und Angelpunkt des Orchesters
Walter Diesterhaupt sprüht vor Lebensfreude. „Er ist der Dreh- und Angelpunkt im Orchester. Seinetwegen nehmen Leute weite Wege aus Waren und Brandenburg auf sich, um zur Probe nach Neustrelitz zu kommen“, sagt Johannes Groh. Sie alle wünschen sich noch viele Jahre mit ihrem künstlerischen Leiter. Walter Diesterhaupt ist da ganz zuversichtlich. „Meine Mutter ist 101 geworden.“
Am Sonntag, dem 6. September, ab 16 Uhr sind er und das Salonorchester in der Neustrelitzer Orangerie zu erleben. Der Vorverkauf erfolgt in der Orangerie Neustrelitz, An der Promenade 22, Telefon 03981 4531571, und in der Tourist-Information in Neustrelitz, Strelitzer Straße 1, Telefon 03981 4534105.