Seenotretter: Grenzenloser Einsatz auf der Ostsee
Seenotretter: Grenzenloser Einsatz auf der Ostsee

Die deutsch-polnische Grenze endet auf der Seekarte. Im Einsatz spielt sie keine Rolle mehr. Seit vielen Jahren arbeiten die Seenotretter beider Länder Hand in Hand – oft unter schwierigsten Bedingungen. Christian Stipeldey, Sprecher der Deutschen Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger (DGzRS), erläutert im Interview, wie diese Zusammenarbeit funktioniert.

Abkommen und persönliche Kontakte

Zwischen der DGzRS und dem polnischen staatlichen Seenotrettungsdienst Morska Służba Poszukiwania i Ratownictwa besteht seit Jahren ein Abkommen über die gegenseitige Unterstützung. Das betrifft zum einen die Rettungseinheiten auf See selbst, zum anderen die Zusammenarbeit der beiden Rettungsleitstellen See – MRCC Bremen und MRCC Gdynia. Diese Kooperation funktioniert gut und ist im Alltag selbstverständlich.

Man kennt sich persönlich. Es gibt immer wieder Treffen und einen intensiven fachlichen Austausch. Erst im März dieses Jahres waren die polnischen Kollegen in der Zentrale der DGzRS in Bremen zu Gast. Solche Begegnungen stärken das gegenseitige Verständnis – das ist im Einsatz von großem Wert.

Gemeinsame Übungen und Besuche

Es gibt auch praktische Kontakte. Unser Seenotrettungskreuzer „Harro Koebke“ von der Station Sassnitz war bereits mehrfach bei den polnischen Kollegen in Świnoujście zu Besuch. Umgekehrt war das polnische Einsatzschiff „Sztorm“ 2015 anlässlich des 150-jährigen Bestehens der DGzRS in Bremerhaven zu Gast.

Auch auf dem Stettiner Haff gab es nicht nur im Einsatz entsprechende Kontakte. Das Seenotrettungsboot „Monsun“ aus Trzebież war schon mehrfach zu Gast beim „Tag der Seenotretter“ in Ueckermünde.

Im Einsatz gibt es keine Grenzen

Völlig unkompliziert. Deutsche und polnische Rettungseinheiten dürfen jederzeit in das jeweilige Einsatzgebiet des Nachbarlandes einlaufen – ohne bürokratische Anmeldung. Das spart wertvolle Zeit. Entscheidend ist allein, dass Menschen in Seenot schnell Hilfe erhalten. Der Unglücksort bestimmt lediglich, welche Rettungsleitstelle See die Koordinierung übernimmt – entweder Bremen oder Gdynia. Wer letztlich die Menschen rettet, spielt keine Rolle.

Im Rettungseinsatz auf See sind nationale Grenzen ohne Bedeutung. Wir erleben immer wieder, dass Seenotretter unterschiedlichster Nationen aus demselben Holz geschnitzt sind – egal, ob sie für einen spendenfinanzierte Organisation wie die DGzRS oder für eine staatliche Behörde im Einsatz sind. Die gemeinsame Aufgabe verbindet über alle Grenzen hinweg.

Die Katastrophe der „Jan Heweliusz“ verbindet bis heute

Ja, ohne Zweifel der Untergang der polnischen Fähre „Jan Heweliusz“ im Januar 1993 vor Rügen. Deutsche und polnische Seenotretter kämpften damals stundenlang gemeinsam gegen Orkan, meterhohe Wellen und eisige Temperaturen, um möglichst viele Menschen zu retten. Dieser Einsatz gehört bis heute zu den dramatischsten Kapiteln der Seenotrettung in der Ostsee und zeigt eindrucksvoll, wie gut auch unterschiedliche Organisationen grenzübergreifend zusammenarbeiten.

Das stimmt. Viele Stationen der heutigen polnischen Seenotretter waren früher Stationen der DGzRS. Einige dieser historischen Gebäude werden bis heute genutzt, etwa in Łeba. Dass diese gemeinsame Geschichte nicht vergessen wird, hat eine polnische maritime Stiftung eindrucksvoll gezeigt. Sie hat die Geschichte aller ehemaligen DGzRS-Stationen auf dem heutigen polnischen Staatsgebiet recherchiert und in einem zweisprachigen Buch – auf Deutsch und Polnisch – veröffentlicht. Das ist ein wunderbares Zeichen gegenseitiger Wertschätzung.

Seenotretter kennen keine Grenzen. Wenn Menschen in Gefahr sind, spielen Nationalität, Sprache oder Zuständigkeiten keine Rolle. Dann zählt nur eines: schnell, professionell und gemeinsam Leben zu retten.