Rückkehrer-Kolumne: Ungläubig am Koloss von Prora entlanggefahren
Ungläubig am Koloss von Prora entlanggefahren

Mehr als zwei Jahrzehnte war der Kolumnist nicht mehr in Prora. Bei seiner Rückkehr im Sommer fährt er ungläubig mit Schrittgeschwindigkeit an dem langgezogenen Gebäudekomplex vorbei. Aus den grauen Baracken, die die dunkle Vergangenheit aus jedem Betonzentimeter ausstrahlten, ist eine weiße Häuserkette geworden. Die Ehrfurcht vor der Geschichte musste dem Kommerz weichen.

Urlaub in der Heimat statt Fernreisen

Seinen Sommerurlaub verbrachte der Autor in der „schönen Einöde“ zwischen Binz und Sassnitz. Früher reiste er nach Kuba, Tansania und Costa Rica, heute zieht es ihn wegen der zwei kleinen Kinder wieder in die Heimat: Thiessow, Zinnowitz oder die Feldberger Seenplatte. Das sei nicht despektierlich gemeint, sondern die Realität der vergangenen Jahre.

Rügen biete für Kinder im Kita-Alter alles: Dinopark, Baumwipfelpfad, Karls, Rasender Roland und vieles mehr. Der nächste bekannte Strand war laut Google Maps Prora. Dort war er vor etwa 25 Jahren das letzte Mal, damals zu Workshops im Rahmen von sozialen und zivilen Engagements.

Ein geschichtsträchtiger Ort wird zur Tourismusmeile

Prora ist der Ort, an dem sich deutsche Geschichte auf wenigen Kilometern Beton verdichtet. Ab 1936 wollten die Nationalsozialisten das „Seebad der 20.000“ bauen – ein gigantisches Urlaubsprojekt der Organisation „Kraft durch Freude“, das wegen des Krieges nie fertig wurde. In der DDR wurde aus dem unvollendeten Ferienkoloss eine Kaserne der Nationalen Volksarmee. Auch der Vater des Autors wurde hier ausgebildet. Nach der Wende verfiel Prora zunächst, bevor die Blöcke verkauft und zu Hotels, Ferienwohnungen und Eigentumsapartments umgebaut wurden.

Für den Kolumnisten ist klar: Er persönlich möchte dort nicht schlafen und auch nicht morgens mit Meerblick auf dem Balkon sitzen und so tun, als wäre es eine normale Ferienanlage. Er fragt sich, wie viele Käufer und Gäste die Geschichte des Kolosses kennen und ob es nicht andere Möglichkeiten gegeben hätte, als nur am Ende des Koloss ein Stück Geschichte optisch zu bewahren.

Mulmiges Gefühl bei Luxus an historischem Ort

Heute gibt es Luxus dort, wo einst NS-Propaganda und später DDR-Militärgeschichte stattfanden. Die schicken Balkone, Pools und Ferienwohnungen lösen bei ihm ein mulmiges Gefühl aus. Jeder könne selbst entscheiden, ob er dort Urlaub machen oder eine Wohnung kaufen möchte, betont er. Für ihn steht fest: Diesen Winkel wird er meiden.

Auch die Kulisse am hinteren Nordstrand findet er furchteinflößend. In der repräsentativen NS-Architektur von Speer und Co. spielten monumentale Treppenanlagen eine zentrale Rolle als Instrumente der Machtinszenierung, Einschüchterung und Hierarchie. Am hinteren Strandabschnitt von Prora sei das eindrücklich sichtbar. Er fragt sich, ob es andere Möglichkeiten gegeben hätte, was aus diesem Monumentalbau erwächst.